Charlotte Wittnebel-Schmitz Als Jugendlicher sah Gregor Cordes die Nordsee. Wasser, Strand, Dünen. Dann mit 25 Jahren bekam er die Diagnose: Retinitis pigmentosa. Netzhautzellen sterben schrittweise, die Sehschärfe nimmt ab, sein Blickfeld verengt sich. Ein Blick wie durch eine Kugelschreibermine. Ein schleichender Prozess, der plötzlich ganz schnell ging. Mit 49 Jahren erblindete Cordes innerhalb von drei Monaten.Das ist sieben Jahre her.

Gregor Cordes ist stellvertretender Bezirksgruppenleiter des Bayerischer Blinden- und Sehbehindertenbundes für Oberbayern-München. Als Cordes von seiner Krankheit erfuhr, begann der gelernte Bankkaufmann in Heidelberg eine Ausbildung zum Datenverarbeitungskaufmann. Früher schrieb Cordes Programme, heute erstellt er für eine Bank in München SQL-Datenbankabfragen.

In seiner Freizeit hört er Zeitungen an: Capital, Geo. Der Verein "Aktion Tonband-Zeitung für Blinde" (ATZ) vertont Zeitschriften für Sehbehinderte und Blinde. Den Spiegel hat er abonniert. Im Internet lädt er jede Woche die aktuellen PDF-Dateien. Dann wandelt er sie mit einer Texterkennung um und lässt sie sich vom Computer vorlesen.

Auch Leonie Roth aus Wildflecken nutzt ständig technische Hilfsmittel. Sie ist seit ihrer Geburt blind, nur Farben und Umrisse kann die 20-Jährige noch wahrnehmen.

Sie ist gerade im Homeschooling und bereitet sich auf ihr Abitur vor. PC und Smartphone nutzt sie, um mit Freunden über Whatsapp zu schreiben oder Sachen für die Schule zu googeln. Das funktioniert gut, weil der Computer und das Handy mit ihr sprechen. Alles wird vorgelesen.

Voiceover nennt sich die Sprachausgabe beim iPhone. Mit Gesten lässt sich das Gerät steuern: einmal, zweimal, dreimal auf das Display tippen, nach oben oder unten wischen oder mit den Fingern eine Drehbewegung machen.

Auch in ihrer Freizeit greift Leonie Roth gern zum Smartphone. Seit einem Jahr nutzt die Schülerin beim Einkaufen gerne die App "Seeing AI". Dann hält sie ihr Handy etwa vor das neue Shampoo, das sie ausprobieren möchte. Die App liest ihr vor, was auf dem Etikett steht. "Das ist eine große Hilfe, wenn ich ein Produkt in den Händen halte, das ich noch nicht kenne." Die Funktionsweise ist sehr einfach: Das Smartphone wird auf ein Papier, ein Klingelschild oder etwas anderes gehalten und schon beginnt die Sprachausgabe.

Carola (57) und Oliver Groß (59) aus Bad Kissingen sind seit ihrer Geburt in ihrem Sehvermögen deutlich eingeschränkt. Sie nutzen bevorzugt Apple-Geräte. Die lassen sich sehr gut an die Bedürfnisse von sehbehinderten Menschen anpassen, finden sie.

Vergrößerung am Bildschirm

"Man kann alles individuell einstellen", sagt Carola Groß und zeigt, wie sie Schrift oder Symbole deutlich vergrößert oder den Kontrast verändert.

Die Technik eröffnet dem Ehepaar die Möglichkeit, einen Teil der Welt zu erfahren, der sonst nicht so leicht für sie zugänglich wäre. Bei Ausflügen fotografieren sie gerne und entdecken zuhause am PC noch weitere Details auf den Fotos, die sie zunächst nicht sehen konnten. Dann lassen sich nämlich Objekte durch die Zoom-Funktion ganz nah ran holen.

"Man muss neugierig bleiben und sich mit der Technik auseinandersetzen, um es als Hilfsmittel zu nutzen", findet Carola Groß. Sie hat die Erfahrung gemacht, dass nicht alle der Technik so aufgeschlossen sind. Personen, die über sechzig Jahre seien, und erst im Alter erblinden, könnten - bis auf Ausnahmen - nichts mit der Technik anfangen. Die Hilfsmöglichkeiten seien vielfältig, aber man müsse sich in die Technik reindenken. "Von allein geht da nichts."

Nationales Blindenregister fehlt

Gregor Cordes, Leonie Roth und das Ehepaar Groß gehören zu einer Gruppe von Menschen, bei denen niemand so genau weiß, wie viele in Deutschland leben. Kaum belastbare Zahlen gibt es laut dem Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband. Ein nationales Blindenregister fehlt. Wissenschaftler gehen schätzungsweise von 500 000 blinden und bis zu einer Million sehbehinderten Menschen aus. Rund 100 000 Blinde und sehbehinderte Menschen leben in Bayern, sagt Cordes. Viele nutzen das Internet, stoßen dabei aber immer wieder auf kaum zu überwindende Hindernisse.

Hindernisse beim Fahrkartenkauf

Welche das sein können, zeigt Cordes am Beispiel eines Fahrkarten-Kaufs. Zum Surfen nutzt der 56-Jährige einen Screenreader, der Bildschirminhalte in gesprochene Sprache übersetzt. Das geht so schnell, dass es ein ungeübter Zuhörer kaum mitkommt. Cordes Ausrüstung besteht aus einem Lautsprecher und einer Tastatur. Eine Maus benötigt er nicht.

Wenn es auf Details ankommt, die er genau lesen oder überprüfen möchte, verwendet er die Braillezeile. Das ist ein längliches Gerät mit vielen kleinen Punkten, die nebeneinander angeordnet sind und die digitalen Schriftzeichen in Blindenschrift übertragen. Buchstaben werden ertastbar, indem sich winzige Stifte auf der Braillezeile elektronisch heben und senken.

Gregor Cordes tippt mobile.bahn.de ein. Entwickler konzipierten die Homepage für mobile Geräte wie Smartphones und Tablets. Die Seite ist schlank aufgebaut, ohne Werbung und Grafiken. Es gibt kaum Text und Eingabefelder. Das ist gut. Blinde könnten dank Überschriften und Tabellen sehr leicht auf der Seite navigieren. Das ist nicht selbstverständlich.

Cordes wechselt am PC auf www.bahn.de. Er will zeigen, wie unterschiedlich Webseiten programmiert sind. Die Skyline von New York, ein griechischer Tempel in Athen und eine venezianische Gondel erscheinen auf dem Bildschirm. Das sieht Cordes nicht, stattdessen liest die Computerstimme "Grafik 109867565, Grafik 80768656, Grafik, Grafik" vor. Unbrauchbar.

Unbeschriftete Grafiken

Ein No-Go. Das sind für ihn solche Schaltflächen, Bilder oder Links, die nur für Sehende verständlich sind. Das Problem liegt an der Programmierung: Die Bilder oder Schaltflächen tragen keine im System hinterlegten Alias-Namen. Die Computerstimme sagt "Link", gibt aber keine Information darüber, was sich hinter dem Link verbirgt.

Eine virtuelle Sackgasse. Wenn er nicht wisse, was er auslöse, wenn er auf einen Link klicke, dann tippe er lieber gar nicht darauf. "Bei einem der Felder kann es heißen, der Computer wird jetzt gelöscht oder es werden 100 000 Euro vom Konto abgebucht." Diese Seiten sind dann für ihn Geschichte.

Captcha zur Identifizierung

Welche weiteren Hürden gibt es? Amazon oder E-Mailanbieter wie Gmx verwenden manchmal Captcha-Abfragen, bei denen festgestellt werden soll, ob ein Mensch oder ein Computer die Seite bedient. Die oft verwendete grafische Verifizierung über Bilder sperrt blinde Nutzer aus. "Eine sehende Person des Vertrauens muss helfen", sagt Cordes. Oder es gebe kostenpflichtige Lösungen. Besser sei für Blinde ein akustischer Test oder eine einfache Rechenfrage.

Die Mitglieder des Europäischen Parlaments und des Rates wollen seit Jahren mehr Barrierefreiheit im Internet. Seit Ende September sind öffentliche Stellen deshalb verpflichtet, eine Erklärung online zur Verfügung zu stellen, inwiefern ihre Websites und mobilen Anwendungen der europäischen Richtlinie entsprechen. Wenn Blinde nun auf eine Barriere stoßen, können sie diese dem Homepagebetreiber melden. Öffentliche Stellen müssen innerhalb eines Monats darauf antworten. Für Apps gilt das erst vom 23. Juni nächsten Jahres an.

Leonie Roth hat solche Meldungen schon gemacht. Eine Rückmeldungen vom Homepagebetreiber hat sie bisher noch nicht bekommen.

Zwei Seiten der Barrierefreiheit

"Barrierefreiheit hat zwei Seiten: Die Sicht von außen und die interne Sicht", sagt Cordes. Wenn mit Kunden Geld verdient werde, werde stärker darauf geachtet, dass die Homepages barrierefrei seien. So wisse er von der Sparkasse, dass diese etwa für ihre Barrierefreiheit beim Online-Banking ausgezeichnet worden sei. "Wenn man dann intern in so einem Haus tätig ist, stellt man fest, dass es den Anwendungen an Barrierefreiheit fehlt." Das gelte auch für Software, mit denen öffentliche Behörden arbeiteten.

Software-Updates problematisch

Sein Job ist für ihn eine Erfüllung. Zu schaffen machen Cordes aber Software-Updates, die in regelmäßigen Abständen kommen.

"Wenn sich in einer Zeile etwas verändert, dann brauche ich einen Fachmann, der die Skripte anpasst." Drei Monate Vorlaufzeit plant er ein, um die Anpassung durch einen Techniker zu beantragen. Das sei das Minimum.

Ob die technische Umstellung zeitnah gelinge, ist für ihn auch eine existenzielle Frage. "Das ist für mich eine ganz schöne Belastung." Denn nachdem eine neue Version installiert sei, könne er erst wieder problemlos mit dem Programm arbeiten, wenn ein Fachmann seinen Arbeitsplatz entsprechend für ihn angepasst habe. Aber: "Ich soll mein Arbeitspensum bringen."

Weiterentwicklung in der Zukunft

Was bringt die Zukunft? Cordes setzt auf technische Verbesserungen. "Ich vermute, dass Spezialsoftware für Blinde intelligenter wird." Er erwartet von extern keine große Hilfe. "Der Benutzerkreis, der sich das wünscht, muss eine Technik finden, um klar zu kommen."

"Die Technik wird noch besser auf uns zugeschnitten sein", sagt Oliver Groß.