Stephan Herbert Fuchs

Wegen der Vergewaltigung eines Mitbewohners in einer Jugendhilfeeinrichtung im Landkreis hat das Amtsgericht in Kulmbach einen 20-jährigen ehemaligen Bewohner zu einer Jugendstrafe von zwei Jahren auf Bewährung verurteilt. Der junge Mann hatte zugegeben, in mehreren Fällen sexuelle Handlungen an dem Gleichaltrigen vorgenommen zu haben.

Der Urteilsspruch lautete deshalb auf Vergewaltigung, weil die Handlungen des Angeklagten in vier Fällen mit einem Eindringen in den Körper des Mitbewohners gegen dessen Willen verbunden waren.

Glück im Unglück war es für den Angeklagten, dass er aufgrund erheblicher Reifeverzögerungen und einer in ganz besonderem Maß belastenden Biografie nach dem wesentlich milderen Jugendstrafrecht verurteilt wurde, bei dem der Erziehungsgedanke und nicht die Strafe im Vordergrund steht.

"Nach Erwachsenenstrafrecht wäre der Angeklagte für mehrere Jahre der Freiheit beraubt worden", sagte der für Jugendsachen zuständige Amtsgerichtsdirektor Christoph Berner in der Urteilsbegründung. Soll heißen: Nach Erwachsenenstrafrecht wäre der Angeklagte im Gefängnis gelandet.

Mehrere Auflagen

Das Schöffengericht verhängte gegen den Angeklagten außerdem eine ganze Reihe von Auflagen. So muss der junge Mann 100 Stunden gemeinnützige Arbeit ableisten und künftig jede zumutbare Arbeitsstelle annehmen. Außerdem bekommt er einen Bewährungshelfer zur Seite gestellt. Begeht er in den kommenden drei Jahren eine Straftat, so muss er die zwei Jahre doch noch absitzen.

Mit einer Bewährungsstrafe kam der Angeklagte vor allem auch deshalb davon, da er über seinen Pflichtverteidiger Tobias Liebau aus Bayreuth sämtliche Taten in vollem Umfang einräumen ließ. Damit konnte das Gericht auf die Einvernahme sämtlicher Zeugen, vor allem aber auch des Opfers verzichten.

Der Verhandlungstag wurde damit nicht nur entscheidend abgekürzt, dem Mitbewohner wurde auch eine peinliche Befragung erspart.

Laut Verteidigung gab es zwischen dem Angeklagten und dem Mitbewohner "eine schwierig zu beurteilende Beziehung". Beide seien füreinander dagewesen, sagte der Anwalt.

"Ziemlich gute Freunde"

"Wir waren ziemlich gute Freunde", so der Angeklagte. Irgendwann habe dann einer mehr als der andere gewollt, womit der Angeklagte sich selbst meinte. Mittlerweile habe er die Einrichtung auf eigenen Wunsch verlassen und lebe in der Nähe seiner Mutter in Niederbayern.

Klar wurde während der Verhandlung aber auch, dass der Mann ganz offensichtlich ein medizinisches Problem hat. So war er aufgrund von Verhaltensstörungen zuletzt in einem psychiatrischen Krankenhaus stationär in Behandlung. Zur Sprache kamen auch früherer Drogengeschichten und ein zur Tatzeit ausschweifender Alkoholmissbrauch. Eine Vorstrafe wegen vorsätzlicher Körperverletzung hatte der Angeklagte bereits.

Opfer rastet aus

Mit dem Urteil folgte das Schöffengericht exakt der Forderung von Staatsanwalt Stefan Käsbohrer. Der Anklagevertreter zweifelte dabei an, ob der 20-Jährige die Bewährung straffrei durchsteht. Probleme seien vorprogrammiert, mit Blick auf die Überforderungssituation, in der sich der Angeklagte nach abgebrochener Malerlehre derzeit befinde.

Verteidiger Liebau hatte ebenfalls auf eine Bewährungsstrafe, allerdings nur in der Höhe von eineinhalb Jahren plädiert.

Irgendwie habe das Ganze etwas Unerklärliches, sagte Richter Berner in seiner Urteilsbegründung. Er spielte damit zum einen auf die Schwere der Sexualstraftaten an, zum anderen aber auch auf die Beziehung, die Täter und Opfer führten. So soll das Opfer ausgerastet sein, als es erfuhr, dass der Angeklagte wegen seiner Taten die Einrichtung verlässt. Das Opfer hatte sogar ein eigenes Strafverfahren bekommen, weil es den Angeklagten daraufhin gewürgt hatte.