von unserem Redaktionsmitglied 
Norbert Felgenhauer

Kreis Haßberge — Natürlich gibt es auch in diesen Tagen viel Wichtigeres auf dieser Welt, aber das Spiel ist klar das Thema Nummer 1 überall zwischen Alpen und Nordsee. Das Spiel findet am Sonntag ab 21 Uhr unserer Zeit in Rio de Janeiro statt, es ist das Finale um die Fußball-Weltmeisterschaft, und spätestens seit dem phänomenalen 7:1 im Halbfinale gegen den Gastgeber Brasilien sind die Erwartungen in den Himmel geschossen: Deutschland wird Weltmeister. Das glauben auch die Experten aus dem Kreis Haßberge, mit denen wir uns im Vorfeld unterhielten. Aber sie mahnen zur Vorsicht und vollen Konzentration.
Ludwig Müller, Ex-Nationalspieler aus Haßfurt, spricht von einem "Augenschmaus", wenn die Rede vom Brasilienspiel ist. "Man hat sich gefragt, ist das überhaupt Realität?", sagt der ehemalige beinharte Verteidiger. Er ist voll des Lobes über die "Burschen, die in Brasilien einen wunderbaren Job" machen. Den Schlüssel zu den bisherigen Erfolgen sieht er im Zusammengehörigkeitsgefühl, "man hat von außen wirklich das Gefühl, dass das eine Einheit ist. Und wenn es in einer Mannschaft nicht passt, ist so eine Leistung gar nicht möglich." Müller ist zuversichtlich, dass es mit dem vierten WM-Titel klappt, weist aber auch darauf hin, dass der Gegner Argentinien "eine bombenstarke Abwehr" habe, "wenn da einer glaubt, dass wir mit drei, vier Tore gewinnen, ist er schief gewickelt." Er rechne jedenfalls mit einem knappen Ergebnis.

Der Titel "ist fällig"

Nach 1990 sei ein Titel für Deutschland "wieder mal fällig. Wir müssen nur so spielen wie gegen Brasilien", sagt er. Das Mittelfeld habe eine wichtige Rolle bei der Aufgabe, Argentiniens Star Lionel Messi nicht ins Rollen kommen zu lassen, "und wenn wir dann bei der Verwertung unserer Chancen die Effizienz wie gegen Brasilien zeigen, müsste es eigentlich reichen. Er werde sich die Partie "gemütlich zu Hause mit seiner Frau anschauen und eine Flasche Wein aufmachen" - ein Siegestrunk?
Feiern wird Tobias Burger am Sonntag auf jeden Fall. Und zwar den 24. Geburtstag seines Mannschaftskapitäns Christopher Hümmer. Den feiern die Spieler des SC Stettfeld (A-Klasse Schweinfurt 5) und ihr Trainer gemeinsam. Auch er erwartet einen Sieg des deutschen Teams, "aber wenn wir kein frühes Tor machen, wird es ein Geduldsspiel wie gegen Algerien." Doch "was die Mentalität angeht, ist die deutsche Mannschaft klar die stärkste", sagt er. Daneben sei die Qualität des Teams, "dass immer jede Position besetzt ist, egal von wem", und dass es taktisch kaum Fehler mache. Immer Überzahl herstellen, wenn der Star der Südamerikaner, Messi, an den Ball kommt, sei wichtig, "und wenn die Argentinier zu defensiv spielen, würde ich ihnen einfach mal den Ball hinkicken, damit sie das Spiel machen müssen". Wenn Deutschland dann den Ball erobere, sei mehr Platz zum Angriff da.
Dass die Argentinier versuchen werden, offen mitzuspielen, glaubt auch Joachim Kraft nicht. Der langjährige Trainer des TV Ebern, der im Sommer dieses Amt abgegeben hat, erwartet eher einen Gegner, der die Defensive stärken wird. Nach dem 7:1 im Halbfinale freue er sich auf den Sonntag, wenngleich in einem Finale die Chancen immer 50:50 stünden. Doch "wenn die beste Mannschaft gewinnt, kann das nur Deutschland sein", erklärt er. Das Spiel von Löws Team gegen die Brasilianer, für die "der Druck einfach zu groß" gewesen sei, bezeichnet er als "außergewöhnlich gut, handlungsschnell und eiskalt vor dem Tor". Sein Rezept für das Finale: "Die Mannschaft sollte Ruhe bewahren und sich auf ihre Stärken konzentrieren - Müller, Klose, die Standardsituationen." Von der eventuellen Härte der Argentinier sollten sich die Deutschen nicht aus dem Konzept bringen lassen. Bisher habe er noch kein K.o.-Spiel in Ruhe zu Hause verfolgen können, sagt Kraft. Er hofft darauf, das dies diesmal möglich ist, "in unserem Carport, mit Leinwand und Beamer, der Familie und ein paar Freunden".

Entscheidende Umstellungen

Im Familienkreis wird auch Dieter Schlereth das Finale genießen, "ich bin kein Fan von Public Viewing", sagt der Trainer, der den FC Augsfeld in die Landesliga führte und in der kommenden Saison den TSV Prappach (Kreisklasse Schweinfurt 3) betreut. Als entscheidend dafür, dass Deutschland so weit gekommen ist, sieht er "die Umstellungen, die Joachim Löw vorgenommen hat, vielleicht auch ein bisschen auf öffentlichen Druck hin", nämlich Philipp Lahm als Verteidiger aufzubieten und Sami Khedira als Stabilisator im Mittelfeld. Über die Entwicklung der deutschen Mannschaft freue er sich sehr, "das war ja am Anfang nicht abzusehen." Die Spieler wüssten das 7:1 gegen Brasilien richtig einzuschätzen. Das sei ganz wichtig, denn "Fußball ist nicht nur gegen den Ball treten. Da spielt sich auch viel im Kopf ab". Den WM-Titel traut er Deutschland auf alle Fälle zu, "auch wenn ich eher vorsichtig bin, bin ich optimistisch. Zu 90 Prozent gewinnt ja die bessere Mannschaft. Und dann haben wir den Titel verdient".