Stephan Herbert Fuchs

Die Kinder, vier und sieben Jahre alt, hatten einen Riesenschreck bekommen, als im September in Kulmbach zwei Mischlingshunde plötzlich laut bellend aus einem Gartengrundstück heraus auf sie zurasten. Die Kinder fingen an zu weinen und klammerten sich an ihrer Mutter fest.

"Diesen Weg an dem Grundstück vorbei kann ich heute mit den Kindern nicht mehr gehen, solche Angst haben sie", sagte die Mutter vor Gericht. Dort trafen jetzt die Frau und der Hundehalter wieder aufeinander. Letzterer, ein 24-jähriger Arbeiter aus Kulmbach, wurde beschuldigt, die Mutter wegen des Vorfalls als "Schlampe" bezeichnet haben soll.

In der Verhandlung stand Aussage gegen Aussage. Der Vorfall mit den Hunden sei zutreffend, sagte der Angeklagte, das Wort "Schlampe" sei aber nicht gefallen. Die Frau dagegen blieb bei ihrer Aussage. Der Beschuldigte habe laut gesagt: "Ich bring' den Hund rein, bevor ich die Schlampe umbringen muss."

"Der hat uns völlig ignoriert"

Sie sei mit den Kindern spazieren gegangen, als die Hunde bellend auf sie zusteuerten, berichtete die Zeugin. Als der Halter dazugekommen sei, habe er die Tiere weggeführt, sei aber gar nicht auf sie und ihre Kinder eingegangen. "Der hat uns völlig ignoriert", sagte die Frau.

Dabei hätte sie ihn aber gerne zur Rede gestellt. "Ich hätte von ihm Einsicht erwartet", so die Zeugin. Schließlich würden die Hunde dort öfter durch die Gegend streunen. "Das geht halt einfach nicht", so die Mutter weiter. Sie war sogar noch einmal tags darauf zu dem Mann gekommen, um ihm die Gelegenheit einer Entschuldigung zu geben, doch auch da habe er sie nur ignoriert. Da erst habe sie die Anzeige erstattet.

Die Frau habe wegen der Hunde lautstark herumgebrüllt, sagte dagegen der Angeklagte in seiner Vernehmung. Die Vierbeiner hätten gebellt, er habe sie daraufhin weggeführt, aber das sei es dann auch schon gewesen. Zu einer Beleidigung sei es nicht gekommen, war sich der Mann ganz sicher. Er hatte deshalb gegen einen Strafbefehl über 800 Euro wegen Beleidigung Einspruch eingelegt.

Auf das Angebot des Gerichts, das Verfahren gegen eine Geldauflage von 500 Euro zugunsten des Tierheims einzustellen, ging er auch nicht ein. Er habe die Frau nicht beleidigt, das Wort "Schlampe" sei nicht gefallen, beteuerte er.

Wenig zur Wahrheitsfindung beitragen konnte die Ehefrau des Angeklagten. Sie hatte den Streit zwar vom Fenster aus verfolgt, konnte aber nicht sicher sagen, ob sie auch wirklich alles gehört hatte. Schließlich hätten die Kinder geweint, die Hunde gebellt und die erwachsenen Personen seien laut gewesen.

Anzeige "schon aus Prinzip"?

So unterschiedlich die Auffassungen der Beteiligten waren, so unterschiedlich fielen auch die Plädoyers aus. Die Vertreterin der Staatsanwaltschaft sah den Sachverhalt bestätigt, sie forderte eine Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu jeweils 53 (!) Euro (1590 Euro).

Ganz anders Verteidiger Andreas Piel aus Kulmbach. Er sah den Sachverhalt alles andere als bestätig und beantragte einen Freispruch nach dem Rechtsgrundsatz "Im Zweifel für den Angeklagten". Die Mutter habe durchaus Belastungseifer gezeigt, weil sie die Anzeige ihren eigenen Worten zufolge "schon aus Prinzip" erstattet habe.

Ärger wegen FFP2-Maske

Außerdem rügte der Rechtsanwalt, dass die Zeugin während der Vernehmung ihre FFP2-Maske aufbehielt. Rechtlich sei dies zwar nicht zu beanstanden, doch könne er als Verteidiger die Aussage nicht richtig einschätzen, wenn er keine Mimik wahrnehmen kann. Dies aber wäre gerade im vorliegenden Fall sehr wichtig gewesen. "Die Gesichtszüge einer Zeugin sind entscheidend für die Einordnung ihrer Aussage", so der Verteidiger.

Tatsächlich weist Richterin Tettmann jeden Zeugen zu Beginn seiner Aussage daraufhin, dass er im Zeugenstand die Maske abnehmen könne, wenn er möchte, dies aber nicht unbedingt tun müsse. Dass ein Zeuge seine Maske dann wirklich aufbehält, ist allerdings extrem selten.

Mit ihrem Urteil von 20 Tagessätzen zu je 40 Euro blieb Richterin Tettmann weit unter der Forderung der Staatsanwaltschaft. Die ausgesprochene Geldstrafe entsprach exakt dem ursprünglichen Strafbefehl. Zweifel, dass die Zeugin nicht die Wahrheit sagt, habe sie keine, so die Richterin in der Urteilsbegründung.

Sie hielt dem Angeklagten aber trotzdem zugute, dass er in der Situation erheblich gestresst gewesen sei und sich kurzzeitig nicht mehr habe beherrschen können.