Was erwarten die Menschen von der Justiz: Schutz vor Tätern, aber vor allem Gerechtigkeit. In den letzten Jahren hat sich die Aufmerksamkeit bei der Bewältigung von Straftaten des Kindesmissbrauchs geändert. Nahm die Öffentlichkeit Anfang der 90er Jahre kaum Notiz, so rücken Berichterstattung über die Ermittlungsbehörden der Strafverfolgungsbehörden und von Gerichtsverhandlungen immer mehr in den Mittelpunkt des gesellschaftlichen Interesses.

Und das ist gut so. Die Hilferufe von Missbrauchsopfern - zum Beispiel im kirchlichen Bereich - zeigen, wie wichtig es ist, die Schutzbedürftigkeit von Kindern und Jugendlichen ernst zu nehmen. Denn die sexuelle Identität eines Menschen hängt entscheidend von seiner Entwicklung ab. Deshalb muss die Entwicklung störungsfrei verlaufen. Dazu gehört auch, dass jeder Mensch die Fähigkeit besitzen muss, selbst über seine Entwicklung zu bestimmen.

Der Gesetzgeber hat auf die Hilferufe der Missbrauchsopfer, aber auch auf kritische Stimmen in der Öffentlichkeit reagiert. Er hat mehrfach Strafrahmen verschärft und neue Tatbestände für strafbares Verhalten geschaffen. Dies führte zu einem höheren Schutz von Kindern und auch zu höheren Strafen.

Aber auch in den Ermittlungsverfahren finden die Belastungen von Kindern bei sexuellem Missbrauch mehr Berücksichtigung. So sollen sie vor der Hauptverhandlung nicht mehrfach vernommen werden. Zur Vermeidung wiederholter Vernehmungen soll von einer Videoaufzeichnung der Vernehmung Gebrauch gemacht werden. Bei der Anwesenheit von Staatsanwalt und Verteidiger bei einer richtigen Vernehmung kann auf eine Vernehmung von Kindern in der Hauptverhandlung verzichtet werden. Solche Vernehmungen sind für Angeklagte und Verteidiger, was den Wahrheitsgehalt der Aussage betrifft, häufig so überzeugend, dass der Angeklagte vor Gericht ein Geständnis ablegt. Der Idealfall für alle Verfahrensbeteiligten. Die Tatsache, dass der Angeklagte die Verantwortung für sein strafbares Verhalten übernimmt, ist für die Kinder u.a. Voraussetzung für eine positive Bewältigung des erlittenen Unrechts im Rahmen von Therapien. Bei Taten innerhalb der Familie kann wieder Vertrauen aufgebaut werden.

Sexueller Missbrauch ist leider nicht die Ausnahme bei den Straftaten innerhalb der Gesellschaft. Das zeigen die Kriminalitätsstatistiken der Polizei. Deshalb: nicht wegschauen oder beschönigen, wenn Anhaltspunkte für sexuellen Missbrauch bestehen. Aber man kann nicht nur die Ermittlungsbehörden - Polizei oder Staatsanwaltschaft - informieren. Bei Verdachtsmomenten - oder auch nur dem schlimmen Gefühl, dass einem Kind etwas angetan worden sein kann - gibt es zum einen die örtlichen Jugendämter, die beraten können. Zum anderen gibt es auch die Informationsstellen des Bundes, an die man sich wenden kann. Die Fachleute dort wissen Informationen zu beurteilen. Es ist ratsam, sich zunächst an solche Stellen zu wenden und nicht zu versuchen, auf eigene Initiative Informationen von einem vermeintlich betroffenen Kind zu erlangen. Denn auch Ermittlungen, die aufgrund falscher Verdächtigungen aufgenommen werden, können erheblichen Schaden anrichten - selbst, wenn sie später zur Entlastung vermeintlicher Täter führen. Ein Beispiel hierfür war der Fall einer katholischen Kita in Mainz im Jahr 2015, in der die Kirche selbst das ganze Personal fristlos entließ. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft konnten die Vorwürfe danach nicht belegen.

Insgesamt kann nur gelten, dass wir alle wachsam bleiben und im Verdachtsfall besonnen sind, aber tätig werden. Wenn wir wegsehen, machen wir uns mitschuldig daran, dass Kinder leiden.

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