Wolfgang Schoberth Der Brüderbund kann heuer auf sein 120-jähriges Bestehen zurückblicken. Im Januar 1900 erfolgte die feierliche Lichteinbringung in den "Tempel", der in dem gerade fertig gestellten Saalbau Wittelsbach in der Langgasse eingerichtet wurde. Doch das Bedürfnis nach einem vertieften Gespräch gab es in der Stadt weit früher.

Mitte des 19. Jahrhunderts kommen Kulmbacher Bildungsbürger zu gelehrten Gesprächen in Privatwohnungen zusammen. 1874 lassen sie sich als "Freimaurerisches Kränzchen zur Fränkischen Treue" offiziell registrieren, aus diesem geht die Loge "Friedrich zur Frankentreue" hervor.

Der Name "Friedrich" spielt auf den Bayreuther Markgrafen Friedrich an, der 1741 die erste Freimaurerloge Frankens ("Zur Sonne") ins Leben gerufen hat, seinerseits angeregt durch keinen geringeren als seinen Vetter Friedrich den Großen.

Die Kulmbacher Bruderschaft entwickelt sich rasch zum geistigen Mittelpunkt der Stadt. Viele ihrer Mitglieder setzen sich für die Wohlfahrt der Bürger ein. Die Strahlkraft wirkt über die Stadtgrenzen hinaus. Zum Beispiel schließen sich der Burgkunstädter Versandhausgründer Friedrich Baur oder auch Mitglieder der Stadtsteinacher Brauerfamilie Schübel der Vereinigung an.

Nach Jahrzehnten der Krise stößt die Kulmbacher Loge, die sich in der Amtsgerichtsstraße in Kronach trifft, heute auf wachsendes Interesse. Seit 2007 sitzt ihr der Weißenbrunner Geschäftsmann Jörg Schnitzler als Meister vom Suhl vor. Wir haben mit ihm gesprochen.

Herr Schnitzler, der Begriff "Meister" klingt nach Weisheit und besonderem Wissen ...

Jörg Schnitzler: Als Meister vom Stuhl hat man exakt die gleichen Rechte und Pflichten wie jeder andere Bruder auch. Bei Abstimmungen haben alle Stimmen das gleiche Gewicht, unabhängig davon, welches Amt ausgeübt wird oder wie lange jemand in der Loge ist. In das Amt sollte ein erfahrener Bruder gewählt werden, der in der Logenarbeit als hammerführender Beamter oder als Stellvertreter des Meisters vom Stuhl Erfahrung sammeln konnte.

Viele Logen verzeichnen in den letzten Jahren Zuwächse. Können ist das zu erklären?

Nachdem unser Alltag immer hektischer und turbulenter verläuft, sehnen sich die Menschen die Freimaurerei mit den Ritualen und den der Steinmetzzunft entlehnten Symbolen die beste Voraussetzung. Steinmetzarbeit, die königliche Kunst genannt, heißt ja Bau an einem Neuem, einem Besseren.

Was führt sie Menschen zu den Freimaurern? Suchen sie Spiritualität, das religiöse Gespräch, Gemeinschaft?

Die Beweggründe sind verschieden. Ganz wichtig: der offene und vertraute Dialog, ohne fürchten zu müssen, dass die Vertraulichkeit missachtet würde. Dann die Gleichheit unter allen Brüdern unabhängig von den wirtschaftlichen Verhältnissen oder der Bildung der einzelnen Brüder, die Toleranz und die Brüderlichkeit. Dazu gehört, dass Streitgespräche über Religion oder Politik ausdrücklich verboten sind, um keine trennenden Positionen in der Bruderschaft hervorzurufen.

Wollen Sie uns verraten, wie viele Mitglieder die Kulmbacher Loge hat?

Momentan sind es 30 Brüder und Suchende.

Wie sind sie beruflich zusammengesetzt?

Völlig gemischt. Wir suchen nicht nach Titeln oder nach bestimmten Berufsgruppen, wir möchten den Menschen, den Bruder, gewinnen. Diese unterschiedlichen Berufsbilder gewährleistet uns zu einer Betrachtung aus mannigfaltigen Perspektiven.

Viele Neuzugänge sind aus Sicht der Loge sicher erfreulich, doch können die Suchenden noch begleitet werden?

Ja, ihre Integration ist uns ein essenzielles Anliegen. Jeder neu aufgenommene Bruder erhält bei seiner Aufnahme einen erfahrenen Bruder an die Seite gestellt. Dieser hilft dem Lehrling, steht ihm zur Seite und unterstützt ihn in allen Fragen. Auch Besuche von anderen Logen werden gemeinsam unternommen. Mit der Erhebung zum Meister endet dann offiziell die Patenschaft, aber in aller Regel bleibt diese besondere, enge Verbindung auch weiterhin bestehen.

Die Freimaurer umgeben sich mit vielen Ritualen, Zeichen und Symbolen, die aus der mittelalterlichen Bauhütten-und Zunft-Tradition stammen. Für heutige Menschen oft befremdlich. Sollte man nicht an eine Entrümpelung gehen?

Im Rahmen unserer rituellen Arbeiten verwenden wir immer den Hohen Hut, den Maurerschurz, weiße Handschuhe und unser Logenbijou. Entrümpeln würde da für mich bedeuten, mit alten Traditionen zu brechen und einem Zeitgeist zu folgen. Damit würde die Freimaurerei selbst infrage gestellt. Gerade das Festhalten an diesen Traditionen und diesen Symbolen ist das verlässliche und berechenbare Element, das keinem Zeitgeist und keiner Mode unterliegt.

Nicht wenige Menschen beziehen ihre Vorstellungen zu den Freimaurern aus Mozarts "Zauberflöte". Dort geht es um die Aufnahme in den Kreis der Eingeweihten, in die Welt der Geheimnisse, also Esoterik. Entspricht es auch Ihrem Denken heute?

Die Aufnahme eines Suchenden in unseren Bund ist vergleichbar mit einer Initiation. Das Geheimnis besteht in dem Erleben, das jeder Bruder für sich selbst anders empfunden hat. Selbst ein Erzählen oder ein Beschreiben der Aufnahmehandlung spiegelt das Erlebnis nicht im Ansatz wider. In den ersten Jahrzehnten nach Gründung der Kulmbacher Loge sind die Honoratioren der Stadt nahezu komplett vertreten. Auch Bürgermeister Wilhelm Flessa ist darunter, ebenso sein Nachfolger Hans Hacker. Es fällt auf, dass viele darunter sind, die soziale Verantwortung ernst nehmen ... Der Sozialgedanke gehört fest zur Freimaurerei. So existiert unter anderem ein Freimaurisches Hilfswerk und viele Logen, aber auch viele Brüder unterstützen soziale Projekte in ihrer Region oder haben eigene Projekte ins Leben gerufen. Dies geschieht meistens ohne Einbeziehung der Medien. Jahrelang im Abseits, ist das Interesse an der Freimaurerei in jüngster Zeit deutlich gestiegen. Können Sie sich das erklären? Nachdem unser Alltag durch große Hektik gekennzeichnet ist, sehnen sich die Menschen aus meiner Sicht nach einem Ruhepol, der Besinnung und Selbstreflektion ermöglicht. Und da bietet die Freimaurerei mit den Ritualen und den der Steinmetzzunft entlehnten Symbolen die beste Voraussetzung.

Ihr prominentestes Logenmitglied ist wohl der gebürtige Stadtsteinacher Versandhaus-Unternehmer Friedrich Baur, nach dem kürzlich die dortige Grund- und Mittelschule benannt worden ist.

Ja, es freut mich sehr. Damit wird sein soziales Engagement gewürdigt.

Friedrich Baur wurde von der katholischen Kirche genötigt, aus der Loge auszutreten. Wie ist es heute um das Verhältnis zwischen katholische Kirche und Freimauren bestellt?

Das Verhältnis ist immer noch angespannt, wenngleich Würdenträger unserem Bund angehören. Dies liegt vermutlich daran, dass die Freimaurerei den Absolutheitsanspruch der katholischen Kirche nicht teilt und auch die anderen Religionen gleichberechtigt ansieht.

Das Gespräch führte Wolfgang Schoberth.