Der Weg in den Wald der Zukunft schlängelt sich durch eine kleine Straße – vorbei an Feldern, Wiesen und Weinbergen. Auf einem Hang liegt das Steigerwald-Zentrum, leicht erhaben über dem unterfränkischen Markt Oberschwarzach bei Schweinfurt. Das Informationszentrum im Ortsteil Handthal grenzt an den geschichtsträchtigen Wald , der Ober-, Mittel- und Unterfranken verbindet. Aus dem modernen Holzbau reicht der Blick über Teile des Steigerwaldes: Baumspitzen in saftigem Grün ragen heraus – vereinzelt sind sie aber vertrocknet und braun.

Handthal sei der „grüne Fingerabdruck Gottes“, sagte einmal ein ansässiger Pfarrer, „es ist, als wenn der liebe Gott seinen Daumen in die Landschaft gedrückt hätte“. Doch hat hier in den vergangenen Jahren Dürre starke Schäden angerichtet. Dem bayerischen Waldzustandsbericht 2020 zufolge machen Hitze und Trockenheit auch den Wäldern von Unterfranken zu schaffen. „Das Erschreckende ist, dass es jetzt auch die Rotbuche erwischt“, sagt Andreas Leyrer, forstlicher Leiter des Steigerwald-Zentrums.

1280 Quadratkilometer groß

Denn der rund 1280 Quadratkilometer große Naturpark, der sich über sechs Landkreise erstreckt, zeichnet sich durch weitläufige Buchenwälder aus. „Das ist für uns ein Signal, dass wir eingreifen müssen“, sagt Leyrer. Der 60-Jährige ist sei 30 Jahren leidenschaftlicher Förster.

Zum 50-jährigen Bestehen des Naturparks Steigerwald blickt das Team nicht nur auf das vergangene halbe Jahrhundert. Vielmehr beschäftigt es die Frage: Wie wird der Wald in 100 Jahren aussehen? „Wenn wir weiterhin Wald haben wollen, müssen wir uns überlegen, wie der Wald der Zukunft aussehen wird“, sagt Leyrer.

Stärkerer Anstieg in Unterfranken

In Unterfranken ist die Durchschnittstemperatur mit 1,7 Grad seit Beginn der regelmäßigen Wetteraufzeichnungen 1881 laut Leyrer deutlich stärker angestiegen als in anderen Regionen Bayerns und Deutschlands. Unterfranken sei ein „Hotspot des Klimawandels“, sagt der 60-Jährige, „der Steigerwald ist quasi das Untersuchungslabor Bayerns“.

Um Laien die Problematik nahezubringen, wurde vor dem Zentrum ein sogenannter Klimapfad errichtet. In einem weißen Zelt beginnt die Reise vom Wald der Großeltern zum Wald der Zukunft. Leyrer, ein großer Mann in grünem Hemd, mit Rucksack und festem Schuhwerk, führt die Gruppe. Er weiß, dass Bäume bei Trockenheit eine Art Embolie erleiden können.

Denn Bäume transportieren Wasser von den Wurzeln bis in die Baumspitzen. Verdunstet bei Trockenheit mehr Wasser über die Blätter, als die Pflanze aufnehmen kann, entstehen Hohlräume, in denen sich Luft sammelt. Dadurch wird der Wassertransport behindert, die Wassersäule reißt ab. Die Folge: Der Baum trocknet vom Wipfel her aus.

Zeitstrahl auf dem Boden

Die Zeitreise im Zelt führt vor, wie steigende Temperaturen und fehlende Niederschläge den Wäldern schwer zusetzen. Auf dem Boden ist ein Zeitstrahl aufgezeichnet. Entlang des Weges sind rechts und links zierliche Bäumchen gepflanzt. Sie stehen repräsentativ für die entsprechenden Jahrzehnte.

„Die Durchschnittstemperatur in Bayern im Jahr 2000: 8,44 Grad“, steht auf einem Schild. Daneben reihen sich grüne Fichten. Wenige Meter beziehungsweise zwanzig Jahre weiter das nächste Schild: „Die Durchschnittstemperatur in Bayern im Jahr 2020: 9,66 Grad.“ Die Fichten daneben sind braun und ohne Nadeln. Leyrer erklärt: „Der Fichten-Vorrat nimmt durch die Dürreschäden rapide ab, auch wegen Schädlingen wie dem Borkenkäfer.“

Noch ein paar Schritte durch die Jahrzehnte führen zu einem roten Schild mit der Aufschrift: „Ab hier lebt nur noch der Mischwald .“

Der Klima-Report Bayern 2021 hat auf die Notwendigkeit hingewiesen, den Wald so zu formen, dass er anhaltende Trockenheit überstehen kann. Denn Fichte und Lärche hätten wenig Chancen, da sie aus den meist regenreichen Hoch- und Mittelgebirgen stammen. In trockenen Sommern müssten Bäume tieferliegende Wasserreservoirs anzapfen. Sie gehören, wie die Buche, zu den Flachwurzlern, die ihre Wurzeln tellerförmig in den oberen Bodenschichten ausbreiten. Die Kiefer dagegen als Baumart des kühleren Nordens kommt vor allem mit der zunehmenden Sommerhitze schlecht zurecht.

Vier Möglichkeiten

Konsequenter Waldumbau nennt sich eine mögliche Lösung. Erstens: Naturverjüngung durch beispielsweise herabgefallene und angeflogene Samen anpassungsfähiger heimischer Baumarten . Zweitens: Stärkung seltener heimischer Baumarten wie Speierling, Elsbeere oder Eibe. Drittens: alternative Herkünfte heimischer Baumarten aus anderen Regionen Europas. Viertens: alternative Baumarten aus anderen Ländern wie zum Beispiel die Zeder aus dem Libanon anpflanzen. „Es gibt Versuchsflächen, doch bis zu einem Ergebnis dauert es 30 bis 40 Jahre“, sagt Leyrer, „das kann auch schiefgehen.“ dpa