Zwei Jahre und neun Monate Haft lautete das Urteil am Landgericht Bamberg . Angeklagt war eine 48-jährige Frau aus Bamberg , die im September 2020 mit zwei unbekannten Männern eine Nachbarin überfallen und mit einem Elektroschocker und einer Axt bedroht hatte. Es ging um Drogen im Wert von 3000 Euro. Die Angeklagte vermutete, der Sohn der Nachbarin hätte den Stoff gestohlen .

Mittags ist es. An der Wohnungstür klopft es. Draußen steht die Angeklagte , seit zwei Jahrzehnten die Nachbarin. Die Mieterin, nennen wir sie Petra, ist misstrauisch. Hat doch ihr eigener Sohn immer wieder bei der Angeklagten Rauschgift gekauft. Sie sei ganz alleine, möchte nur sprechen, hört Petra von außen. Nichtsahnend öffnet die 52-jährige Frau. Plötzlich steht nicht nur die Angeklagte im Flur. Auch zwei vermummte Gestalten drängen Petra ins Wohnzimmer. Schnell geht es zur Sache. „Gib uns den Stoff oder das Geld!“

Die drei unliebsamen Besucher wollen 3000 Euro. Entweder in bar oder in Form von Crystal Meth und Pep, also Amphetaminen. „Sonst kommen die Hell’s Angels und brechen erst dir, dann deinem Sohn und danach auch mir die Knochen.“

Dass sie es ernst meinen, das sagen die Täter nicht nur („Es geht um dein Leben und das Leben deines Sohnes“) – sie zeigen es Petra auch. Ein zwar älterer, aber immer noch funktionstüchtiger Elektroschocker wird ihr neben das Ohr gehalten – und dann eingeschaltet. Das laute Geräusch und der Lichtbogen erschrecken Petra. Als dann auch noch einer der maskierten Männer ein Handbeil aus dem Ärmel zieht, da ist Petra klar, dass es nun wirklich gefährlich wird. Als das Trio kurz nicht aufpasst, kann Petra aus der Wohnung zu anderen Nachbarn im Garten flüchten. Sie ruft um Hilfe. Danach machen sich die unbekannten Männer zu Fuß und auf dem Drahtesel aus dem Staub. Die Angeklagte sagt nur noch „Du hast alles schlimmer gemacht. Jetzt machen sie uns kalt.“ Dann geht sie zurück ins Haus.

Komplizen bleiben unentdeckt

Weder die Ermittlungen noch der Prozess konnten indes erhellen, wer die beiden vermummten Komplizen waren. „Die laufen immer noch frei herum. Dazu schwieg die Angeklagte “, so Rechtsanwalt Thomas Gärtner aus Bamberg , der Petra als Nebenklägerin vertrat. Die Angeklagte sagte auch nichts dazu, wie sie ihren eigenen Drogenkonsum von ihrem kärglichen Einkommen finanzierte. Immerhin bewies ein Haar-Gutachten des Landeskriminalamtes Bayern, dass sie bis zuletzt größere Mengen Crystal Meth und Cannabis zu sich nahm. Der Verdacht liegt nahe, dass sie an Fahrraddiebstählen beteiligt war oder als Hehlerin für gestohlene Fahrradteile fungierte. Bei einer Hausdurchsuchung wurden die Polizeibeamten jedenfalls fündig. Schließlich ist die Angeklagte auch im Bereich Diebstahl und Hehlerei bereits vorbestraft.

Eine andere Möglichkeit ist, dass die Angeklagte für andere Rauschgift bunkerte bzw. verkaufte. Darauf deuten Chat-Verläufe hin, in denen von einem Hintermann die Rede ist, der für die abhanden gekommenen 3000 Euro bei der Angeklagten allerlei Dinge wie Spielekonsolen, Smartphones, Boxen und anderes „beschlagnahmte“. Die Betäubungsmittel befanden sich einst in einem Safe im Untergeschoss, der einige Wochen zuvor aus seiner Verankerung im Keller gerissen und entwendet worden war. Das Überfall-Kommando hat Petras Sohn in Verdacht, sich den kleinen Blechkasten unter den Nagel gerissen zu haben. Der Junior ist tatsächlich in die Drogenszene verstrickt, sitzt derzeit hinter Gittern.

Nach dem Überfall ist die brenzlige Lage für Petra allerdings noch nicht ganz ausgestanden. „Jemand versuchte in meine Wohnung einzubrechen, als ich nicht da war.“ Immer wieder waren „komische Leute“ im Hof, die sich nach ihr erkundigten. Nachdem die anderen Nachbarn die Polizei gerufen hatten, verschwanden die Unbekannten wieder. Und nachts kamen zwei Männer vorbei. Nur weil sich das Duo in der Tür geirrt hatte und bei den Nachbarn aufgeschlagen war, blieb Petra vor neuerlichem Besuch verschont. „Ich dachte, ich bin im falschen Film.“

Bis heute leidet Petra unter den psychischen Folgen des Überfalls . „Ich war fertig mit der Welt.“ Petra hat Angststörungen und Panikattacken, muss sich mit Medikamenten beruhigen. Nacht für Nacht verbarrikadiert sie sich in ihrer Wohnung. Überall hat sie Überwachungskameras anbringen lassen. „Ich lebe dort ja alleine.“ Sogar einen Umzug in eine andere Gegend hat sie in die Wege geleitet.

Massives Eindringen in Privatsphäre

„Es war ein massives Eindringen in die Privatsphäre der eigenen Wohnung“, so Staatsanwältin Tamara Wahl, die 38 Monate Gefängnis forderte. Die Notsituation der Angeklagten strich Mareen Basler heraus. Die Verteidigerin aus Bamberg wollte es mit einer Bewährungsstrafe unter zwei Jahren bewenden lassen.

Am Ende verhängte die zweite Strafkammer unter ihrem Vorsitzenden Richter Manfred Schmidt eine Freiheitsstrafe von 33 Monaten für eine versuchte schwere räuberische Erpressung sowie den vorsätzlichen Besitz und das vorsätzliche Führen einer verbotenen Waffe. Davon hat die Angeklagte bereits ein halbes Jahr in Form der Untersuchungshaft in der JVA Bamberg abgesessen.