"Aus vollem Galopp kamen mein Mann und ich im ersten Lockdown zum Stillstand. Es war eine Vollbremsung. Denn trotz unseres Alters waren wir nicht untätig: Unser Herz hängt auch heute noch an unserem Handwerksunternehmen, das unsere Söhne inzwischen leiten. Die Tätigkeit dort gab mir in meinem Alltag den Takt vor. Genauso wie die Zeit mit meinen Enkelkindern, die uns an mindestens einem Tag in der Woche besuchten. Ihnen steht in unserem Haus beinah ein ganzes Stockwerk zur Verfügung, eine riesengroße Spielwiese mit Kasperletheater und Lego , mit Playmobil und Puppen . An diesem Ort, sonst erfüllt von kindlichem Leben, wurde es mit dem Lockdown von einem Moment auf den anderen still. Diese plötzliche Stille war heftig für mich.

Etwa sieben Wochen lang blieben wir zu Hause, mieden den Kontakt zu unseren Mitmenschen , auch weil damals die Risiken einer Infektion mit dem Virus im hohen Alter noch nicht vollends absehbar waren. Das Schöne an dieser Zeit war, dass wir viel Hilfe und Solidarität von Familie und Freunden erfuhren. Sie unterstützten uns bei Einkäufen und Besorgungen. Und der Garten hinter unserem Haus, in dem unser Verein lokale Sorten züchtet, sah selten so gepflegt aus wie im ersten Lockdown. Bis zu sieben Stunden verbrachten mein Mann und ich täglich damit, die Beete für die Saison vorzubereiten. Das Entschleunigen tat gut. Der erste Lockdown hatte also nicht nur Schlechtes. Inzwischen sitze ich gerne hier auf dem Sessel am Fenster, einem meiner Lieblingsorte. Hier kann ich hinausblicken in den winterlichen Garten, hier entdecke ich immer wieder Dinge, die mir ohne den Lockdown wohl nie aufgefallen wären.

Die Pandemie hat es mir ermöglicht, neue Blickwinkel auf Dinge einzunehmen, sei es auf die Natur, auf die Menschen um mich herum - oder mich selbst. Doch inzwischen, das merke ich immer mehr, fehlen mir die Lichtblicke. Der Winter war lang, dunkel und kalt. Die Enkelkinder sehe ich nur selten. Ich sehne die Rückkehr der Normalität herbei: das Sitzen im Zug und den Besuch im Tiergarten, die sozialen Beziehungen und Umarmungen. Der zweite Lockdown bedeutet für mich mehr Anstrengung als der erste, denn das Ende ist weiterhin ungewiss."

Aufgeschrieben von

Lukas Reinhardt.