In Bamberg darf man stolz darauf sein, einen Pultstar wie Andris Nelsons zu einem Gastdirigat bewegen zu können, denn der Lette ist immerhin Chef sowohl im Leipziger Gewandhaus als auch beim Boston Symphony. Aus dem Staunen über das Füllhorn an exzellenten Musikern , das die baltischen Länder derzeit über uns ausschütten, kommt man kaum noch heraus. Das gilt auch für die Tonsetzer aus dem Norden. Vor der 6. Symphonie Anton Bruckners , dem Hauptwerk im jüngsten Versuch eines symphonischen Wiederbeginns, erklang nämlich die Uraufführung eines Werkes von Juri Reinveres, einem Komponisten estnischer Herkunft, der übrigens anwesend war.

Der längst in Deutschland lebende und wirkende Balte hatte mit „ Maria Anna , wach im Nebenzimmer“ eine vom Würzburger Mozartfest in Auftrag gegebene Komposition nach Bamberg mitgebracht, die sich auf das „Nannerl“, bezieht, also Mozarts Schwester. Deren so oft beklagte Abwesenheit wird in Tönen nachempfunden, aber auch ihre vermeintliche Nähe, wenn z. B. die Bläser menschlichen Atem durch tonloses Blasen hörbar machen. Irisierende Streicherklänge prägen diese zarte Gebilde zunächst, dann wagt die Oboe kurze Soli und die Flöten zwitschern wie derzeit die Amseln. Reinvere arbeitet mit aparten Harmonien und geizt mit klanglichen Zuspitzungen. Eine charmante Partitur !

Bruckners Sechste gehört aufgrund ihrer Schroffheiten zu den seltener gespielten Symphonien des Komponisten . Dabei ist das Adagio von erhabener Schönheit, das Scherzo von gespenstischem Zauber. Und erst der Beginn: Wenn im Kopfsatz der majestätische Grundrhythmus loswalzt und von Triolen überlagert wird, wirkt das wie die ideale Filmmusik für einen Ritt durch den Grand Canyon. Hollywoods Sounddesigner sind hier in die Schule gegangen, bombastisch! Der Dirigent ließ viele Schärfungen zu, wagte aber auch ungewohnte Ritardandi in den Übergängen. Bedächtige, fast nachdenkliche Passagen gefährdeten jedoch nie den stets zwingend wirkenden Spannungsverlauf.

Andris Nelsons forderte der blendend aufgelegten Bayerischen Staatsphilharmonie ein Optimum ab. Ein außergewöhnlicher Dirigent war da zu Gast. Oder wie man in Bamberg neuerdings sagt: an extraordinary conductor.