Das gab es noch nie in den letzten 31 Jahren: Die Bamberger Kurzfilmtage müssen mit mehreren Traditionen brechen. Zum ersten Mal findet das bekannte Kurzfilmfestival fast komplett im Internet statt. Denn dieses Jahr versteckt sich die Kultur weiter im Lockdown-Modus. Statt Ende Januar haben sich die Kinofans nun drei Wochen vom 8. bis zum 28. März dick im Kalender angestrichen.

Dabei war die Vorbereitungsphase mit Unsicherheit verbunden: "Wir wissen, dass online natürlich nicht optimal ist, aber wir vertrauen auf die Treue der Fans", meint Andreas Böhler. Das langjährige Teammitglied freut sich und ist aufgeregt, wie die Menschen auf das vielfältige Programm reagieren werden. Statt Kuscheln im Kinosessel ist nun virtuelles Lagerfeuer in Hausgemeinschaft und WG angesagt. Im Gegensatz zum Herbst 2020 ist die Stimmung im Team nun besser. Damals standen Fragen im Raum: Kommt ein zweiter Lockdown und wenn ja wie lange? Wie sieht es aus mit den Förderungen? Schließlich fiel manche Förderentscheidung teils Monate später. Auf der anderen Seite kamen aber auch unerwartete Mittel zusammen, welche noch für Überraschung im Sommer sorgen könnten.

Inhaltlich macht die 31. Ausgabe des Festivals Ausflüge ins ferne Nepal, aber bleibt gleichzeitig in Franken verwurzelt. Eine Geschichte greift die Pläne zweier junger Frauen aus dem Himalayaland auf, welche ins Ausland zum Studium wollen, aber mit ihrer Tradition konfrontiert werden. Der Streifen stammt von der Bambergerin Ronja Hemm und hat 2020 schon Preise abgeräumt. "Sie hatte schon von früheren Reisen Dokumentationen gemacht, welche zu Kurzfilmen wurden", erklärt Volker Traumann. Ein echter Glücksfall für den Ersten Vorsitzenden und das Festival: Über Hemm konnten neue Kontakte zu anderen Regisseuren geknüpft werden, um die Nepalkollektion auszuschmücken.

Zurück in der Oberfranken-Rolle gibt es einiges zu entdecken: Eine Parodie auf die früheren Bergsteigerfilme mit einer Wintergipfelüberwanderung am Ochsenkopf gehört genauso dazu wie "Endstation Bamberg Bug". Wird sich der Fußballer mit seiner Verehrung für die Sportikone Maradona der Kleinstadt entziehen können? Stichwort Realitätsflucht: Mit dem Streifen "Reflections of Hope" zaubern die Bamberger Symphoniker ein Musikstück, welches Michael Wend und Eduard Resatsch in Zusammenarbeit in Szene gesetzt haben. Dabei hat jeder Musiker der Symphoniker sich und seinen Ton per Handy aufgenommen, welches zu einem stimmigen Streifen vereint wurde. Eine Form, um die Erfahrungen des Lockdowns zu überwinden.

Neue Eindrücke haben auch die aktuellen Stipendiaten der Villa Concordia - welche durch ihre Kunst viele Bezüge zum Kurzfilm haben - gesammelt. Mit der Rolle "Meermenschen, Mondgänger, Märchenbilder" zeigen die Kunstschaffenden ein breites Bild des fantastischen Films mit Ausflügen ins Baltikum und an andere sagenhafte Orte.

Wer sich in das Programm vertieft, stößt zum Beispiel auf einen japanischen Jazzmusiker, welcher sich in Manhattan verirrt. Und man findet den Lieblingsstreifen von Böhler: "Da geht es um zwei Jungs in Israel, welche zur WM 1990 Sticker sammeln und denen nur noch die Beine von Maradona fehlen." Neben der vollständigen Szabo-Triologie - der Figur des charmanten Wiener Musikwissenschaftlers , in Szene gesetzt von Albert Meisl - blickt die Kamera auch in das Leben von Ungarn-Deutschen. Und es gibt noch mehr Balkanflair: Das FEKK-Kurzfilmfestival gastiert mit einer Rolle zu Land und Leuten in Slowenien.

Der künstlerische Pate

 

Auch wenn das Filmspektakel nur im Netz stattfindet, darf eine Institution nicht fehlen: der künstlerische Pate. Dieter Wieland steuert eine Auswahl seiner Dokumentationen über Städtebau und Begrünung hinzu und nimmt darin die Fehlentwicklungen der vergangenen Jahrzehnte spitzzüngig ins Visier. "Wir haben diesmal mehr Experteninterviews und Gespräche mit Regisseuren dabei", verspricht Traumann. Auch wenn der sehnsüchtig erwartete "Kurzfilmclub" in diesem Jahr seine Pforten nicht aufsperren wird, so wird es dennoch im öffentlichen Raum kostenfreie Filmkunst zu sehen geben. Wer beim Bürgerlabor in der Hauptwachstraße und am Maxplatz vorbeischlendert, kann Klassiker des frühen Stummfilms entdecken.

"Unsere Idee ist, dass wir im Frühsommer je nach der Art der Corona-Maßnahmen eine Woche Open Air mit Kurzfilmen machen", erklärt Traumann. So könnte doch noch etwas Festivalflair aufkommen. Vielleicht sogar mit Musik und Bar? Wer weiß! Ein kleines Abschiedsgeschenk des Vorsitzenden, welcher nach 15 Jahren den Stab weitergeben wird. "Am meisten vermisse ich den direkten Draht zu den Filmemachern , dem Publikum und dem Team", beschreibt er den größten Unterschied zu all den Jahren zuvor. Aber eine Konstante lässt sich auch vom Lockdown nicht kleinkriegen: Künstler Adelbert Heil wird es sich nicht nehmen lassen, seine goldglasierten Bamberger-Schoko-Reiter für die Wettbewerbssieger in den bekannten Kategorien zu überreichen. Wenn das keine verführerischen Aussichten sind!