Es war ein Aufruf in der Lokalzeitung, der in das Leben der damals 16-jährigen Gerlinde Rosenkranz eine unerwartete Bereicherung brachte. Zwar hatte die Gymnasiastin sich schon zuvor für klassische Musik interessiert und sang eifrig im Schulchor. Aber Richard Wagners Musikdramen direkt im Festspielhaus als Mitwirkende kennenzulernen, das hat eine besondere Dimension.

„Die beiden Wagner-Brüder Wieland und Wolfgang“, erinnert sich die heute 86-Jährige, die seit 1962 in Bamberg lebt, „hatten damals nur wenige Mittel, um die Festspiele wiederaufleben zu lassen, da war vieles noch ziemlich provisorisch.“ In der Zeitung stand, dass Verstärkung für den Chor gesucht wurde. Mit einer Schulfreundin ging Gerlinde zum Vorsingen ins evangelische Gemeindehaus.

Dort hatten sich vor allem reifere Damen eingefunden, mit mehr oder weniger schönen Kostproben. Als die zwei Teenager schon ans Aufgeben dachten, verkündete ein junger Mann, dass man „noch ein paar so junge Dinger“ brauche, ließ den Schwarm junger Mädchen „Sah ein Knab’ ein Röslein stehn“ vorsingen, notierte Namen und Adressen und schickte alle mit einem „Und dann sehn mer scho“ nach Hause.

„Wir brauchen euch für einen Tanz“

Eine Woche später kam überraschend eine Postkarte mit dem ersten Festspiel-Termin. „Wir brauchen euch für einen Tanz“, hieß es. Und erst allmählich erschloss sich für Gerlinde, die zu diesem Zeitpunkt von Wagner weder viel wusste noch kannte, dass sie für den Tanz der Mädels von Fürth in der „Meistersinger“-Festwiese des 3. Akts engagiert wurde – natürlich honorarfrei.

„Es waren damals, glaube ich, zwölf Lehrbuben, also mussten es auch zwölf Mädchen sein. Ich war erst mal die Dreizehnte, sollte aber immer zur Verfügung stehen und erlebte den 3. Akt jeweils vom Beleuchtungsboden. Bei den letzten drei Aufführungen war dann ich an der Reihe, weil eine aus der Gruppe von der Schminke eine Allergie bekommen hatte und ausfiel.“

Gerlinde durfte mittanzen, sogar im Kleid ihrer Vorgängerin, denn es passte wie angegossen. Dass die Kostüme Leihgaben vom Opernhaus Nürnberg waren, wurde eigens im Programmheft vermerkt. Und eben auch, dass der Festspielchor durch „Damen und Herren aus Bayreuth“ verstärkt wurde. Im Jahr darauf gehörte die junge Dame schon zum Stammpersonal und war bei den Haupt- und Generalproben sowie allen sieben Vorstellungen im Einsatz.

Am Pult stand Herbert von Karajan

Im ersten Jahr der Inszenierung von Rudolf Hartmann stand als Dirigent Herbert von Karajan am Pult und kam einmal sogar auf die Bühne, um konkret zu zeigen, wie er sich den Tanz vorstellte. Auch die Sopranistin Elisabeth Schwarzkopf machte sich als Evchen unvergesslich: „Sie kriegte den auch atemtechnisch schwierigen Triller bei ,Keiner wie du so hold zu werben weiß’ so gut hin, dass selbst Stolzing Hans Hopf ihr auf offener Bühne Beifall zollte.“

Im Jahr darauf brachte dann Dirigent Hans Knappertsbusch die Mädels von Fürth samt Lehrbuben ein bisschen in die Bredouille: „Er hat halt viel länger gebraucht. Wenn einer nur an die große Linie denkt, ist das bei einer Tanznummer gar nicht so einfach.“ Im dritten Neubayreuth-Jahr gab es keine „Meistersinger“ mehr. „Und da hab ich keine Ruhe gegeben, bis ich als blaues Mädchen genommen wurde. Ich war, wie soll ich sagen, längst infiziert, war verrückt auf Wagner.“

1953/54 konnte sie die weiteren Opern des Festspiel-Repertoires genau kennenlernen, denn die Türsteherinnen, Platzanweiserinnen und Programmheftverkäuferinnen, die damals eine blaue Uniform trugen, sitzen bekanntlich in allen Endproben und Vorstellungen. Nach vier Sommern war ihre aktive Festspielzeit vorbei.

Die Germanistik-Studentin durfte aber nach wie vor mit Hallo am Pförtner vorbei ins Festspielhaus und vom Schnürboden aus zuschauen und zuhören. „Wagner kann man niemandem schildern, das muss man erlebt haben“, sagt Gerlinde Zehentmeier. „Und was man zuerst erlebt, ist das Prägende. Mich hat beeindruckt, was Wieland Wagner gemacht hat, nur mit Licht und wenig Kulissen. Mit den heutigen Inszenierungen kann ich nicht mehr warm werden. Aber das ist ganz normal. Damals waren die Alten ganz entsetzt über die leer gefegte Bühne.“

Hoher Sopran im Oratorienchor

Dem Chorgesang ist sie übrigens treu geblieben. Nachdem sie 1962 in Bamberg geheiratet und sich als Lehrerin auch beruflich etablierte hatte, wirkte sie mehr als drei Jahrzehnte als hoher Sopran im Bamberger Oratorienchor , was zumindest auf einen Teil ihrer Nachkommen ansteckend gewirkt hat.

Ihr größter Schatz ist eine Art Poesiealbum, in dem sie ab 1951 Autogramme, Fotos und Presseartikel sammelte. Geblieben sind ihr nicht nur diese Erinnerungen: „Ich kannte das Haus, als es noch primitiv war, aber auch urig. Wenn der Vorhang aufging, war vieles noch neu, da kam ein Schwall von Holz-, Farb- und Leimgeruch in den Zuschauerraum. Wenn ich heute eine Schreinerei schnuppere, hab ich die Bühne vom Festspielhaus vor mir. Dieses Aroma ist für mich untrennbar damit verbunden.“