Wenn das Wetter heute mitspielt, wird sich Norbert Schley wieder auf sein Tourenrad schwingen. Dem durchtrainierten 67-Jährigen steht dann eine 40 Kilometer lange Strecke bevor: Von der Bamberger Pfarrei St. Anna nach Vierzehnheiligen. Selbstredend, dass er die 40 Kilometer auch zurück radelt. Mit ihm schnappt sich Uwe Eckenweber den Drahtesel, während etwa 30 weitere Männer und Frauen aus St. Anna den Gnadenort der Vierzehn Nothelfer per Auto ansteuern. Und einige von ihnen werden sich die letzten Kilometer sogar zu Fuß auf den Weg machen. Um dann gegen 11 Uhr in der Basilika mit Franziskanerpater Maximilian Wagner das Wallfahrtsamt zu feiern.

„Wenn man ein Anliegen hat, macht man das“, begründet Norbert Schley seine kräftezehrende Wallfahrt . Die „besondere Atmosphäre“ bei der Ankunft am Ziel sei eine Motivation, diese „Art von Glauben“ auszuüben: „Man betet zwischendurch und nimmt sich die Zeit zu überlegen, was einem das Leben so mitgibt. Das kann man in Vierzehnheiligen abladen“, fügt der passionierte Wallfahrer hinzu.

Gerade in diesen Corona-Monaten hat sich so einiges an Last angesammelt. Als Abladeplatz mit heilender Wirkung bieten sich im Erzbistum Bamberg allein rund 40 Marienwallfahrtsorte an: auch und gerade in der Pandemie . Denn „gegen die Durchführung von Bittgängen und Wallfahrten bestehen nach Auskunft der Bayerischen Staatskanzlei keine rechtlichen Bedenken. Es handelt sich dabei um von der Religionsfreiheit geschützte Veranstaltungen … Soweit die Vorgaben (insbesondere Mindestabstand, FFP2-Maskenpflicht, kein Gemeindegesang, Infektionsschutzkonzept) eingehalten werden, sind die Veranstaltungen zulässig“, schrieb jetzt Generalvikar Georg Kestel zu Beginn der Wallfahrtssaison an die Pfarrer im Erzbistum. Bezüglich der Teilnehmerzahl bestehe keine Höchstgrenze außerhalb von Gebäuden. „Unzulässig wäre allenfalls eine Größe, die den Charakter einer Großveranstaltung erreicht“, heißt es weiter. Und: „Im Hinblick auf die dabei gemeinsam zu gehende Wegstrecke von Gläubigen im Freien wird empfohlen, dafür die Zustimmung der örtlichen Behörden einzuholen.“

Für Generalvikar Kestel ist der ungebrochene Trend zum Wallfahren das „Phänomen einer echten Basisbewegung von unten“. Eine „Alternative zu unserer globalisierten, mobilisierten und rationalisierten Umwelt“. Eine „Ganzheit von Naturerlebnis und geistlichen Impulsen“ und „Freiheit vom Alltag ohne Leistungsdruck“.

Auch wenn das tiefe Gemeinschaftsgefühl in einer großen Pilgergruppe in diesen Corona-Zeiten nicht empfunden werden kann, wenn keine Blaskapelle die Pilger auf ihrem Prozessionsweg in die Wallfahrtskirchen begleiten darf, bleibt die Sehnsucht vieler nach einer Begegnung mit dem Göttlichen. „70 Prozent unserer sonst 130 Wallfahrtsgruppen kommen auch in diesen Monaten zu uns“, ist zum Beispiel aus Gößweinstein in der Fränkischen Schweiz zu hören. Einzelne Pilger , Zweierteams oder Familien seien unterwegs zur „Heiligsten Dreifaltigkeit“: „Wir laden Sie herzlich ein, eine Wallfahrt nach Gößweinstein gerade auch im Corona-Jahr 2021 durchzuführen“, sagt Pater Ludwig Mazur, Pfarrer und Rektor der Basilika . Der Weg sei offen, und „Sie können das feierliche Wallfahrtsamt in der Basilika feiern, die derzeit coronakonform für 100 Personen Platz bietet“.

Begegnung mit Gott

Darauf freuen sich auch Wallfahrer etwa aus Sassanfahrt und Gunzendorf, aus Drügendorf und Hirschaid, aus Steinfeld, Wattendorf oder Buttenheim, die an den nächsten Mai-Wochenenden Richtung Gößweinstein aufbrechen. Immer das Ziel vor Augen! Nämlich nicht in erster Linie den rein physischen Ort, sondern die Begegnung mit Gott.

Darum sei es etwa dem Einzelpilger aus der Filialgemeinde St. Konrad Rüssenbach bei Ebermannstadt gegangen, erzählt Pater Maximilian Wagner, Rektor der Basilika Vierzehnheiligen. Dieser Pilger habe auf der 60 Kilometer langen Strecke sogar ein Wallfahrtsbild mitgetragen: „Der war abends fertig mit der Welt, aber glücklich!“, lacht der Franziskaner, der sich auf die nächsten Pilger aus Ebern, Reckendorf oder Neuses vorbereitet. Alle Wallfahrtsorte eine, dass die Wallfahrer zwar „nicht in Scharen kommen, aber erfreulich doch noch und die Wallfahrtsämter mitfeiern“. Auch wenn die üblichen, teilweise bis zu 700 Personen zählenden Gruppen zum Beispiel aus dem benachbarten Bistum Würzburg ausbleiben müssten, weil die Beherbergungsbetriebe für Übernachtungen noch geschlossen sind. Auch Verpflegung gibt es derzeit in den Gaststätten vor Ort lediglich „to go“.

In normalen Zeiten würden die tapferen Fußwallfahrer aus St. Anna nachts um ein Uhr nach Vierzehnheiligen aufbrechen – so wie es seit nunmehr 35 Jahren pfarrliche Pilgertradition ausmacht. „Die Ausgangssperren in den Landkreisen erlauben das am Samstag nicht“, bedauert Norbert Schley, der in den früheren Jahren die Radwallfahrer angeführt hat. „Wir hatten oft Firmlinge dabei“, berichtet er über die Tatsache, dass sich auch junge Leute von dieser Form gelebten Glaubens ansprechen lassen.

Davon spricht ebenso Diözesanjugendpfarrer Norbert Förster. In corona-freien Jahren machen sich sonst Hunderte Jugendliche im Mai zur beliebten „JuWall“ hin zu wechselnden Stätten auf. Schon 2020 gab es diese Jugendwallfahrt nur digital, heuer fällt sie ganz aus. Allerdings nicht in erster Linie wegen Corona, sondern weil es zu terminlichen Kollisionen mit der Renovabis-Aktion und dem Pfingstfest gekommen wäre, wie Förster sagt.

Bald wieder „Normalität?

Und wie schaut es mit den Pilgerreisen zu den klassischen Zielen im Ausland aus? „Wir gehen davon aus, dass mit zunehmenden Zeitablauf auch die Pilgerreisen wieder an Fahrt aufnehmen werden, zumindest für Geimpfte, es besteht also eine gewisse Parallele zum allgemeinen Reiseverkehr“, sagt Domkapitular Norbert Jung, Leiter des Diözesanpilgerbüros. Vielleicht werde ab Herbst wieder relative „Normalität“ eintreten, „jedenfalls hoffen wir das“, so Jung. Durchführungsgarantien könne es natürlich zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine geben: „ Die tatsächliche Durchführung kann im Moment immer nur 14 Tage im Voraus bestimmt werden.“ Die internationalen Wallfahrtsorte wie etwa Lourdes, Fatima, Santiago de Compostela, Rom, Israel hätten hervorragende Hygienekonzepte, die Inzidenzen seien niedrig, und man könne voraussichtlich die Pilgerziele relativ ungestört von Besuchermassen besuchen, wenn auch unter den bekannten Auflagen, erklärt der Domkapitular und Pfarrer in Ansbach.

Für ihn liegt der Reiz des Pilgerns darin, dass es dem Trend zur Individualisierung in der Gesellschaft entgegenkomme: „Man kann auf diesem Weg im wahrsten Sinn des Wortes zu sich selbst finden“, meint Jung. Außerdem trage das Pilgern zur Entschleunigung, zur Neuentdeckung der Natur bei, „was auch einem gesellschaftlichen Megatrend entspricht“.