Am 31. Oktober 2020 verprügelten zwei Gefangene der JVA Ebrach einen anderen Häftling , während ein Komplize die Tür versperrte. Ihr Opfer hielten sie für einen Sexualstraftäter , dem sie eine Abreibung verpassen wollten. Das Jugendschöffengericht am Amtsgericht Bamberg verurteilte das Trio aus Fürth, Freising und Forchheim nun wegen gefährlicher Körperverletzung bzw. Beihilfe zu Freiheitsstrafen von 16 Monaten, 20 Monaten und fünf Jahren.

Nachmittags ist Aufschluss. Dann dürfen die Gefangenen ihre Hafträume verlassen und ihre „Nachbarn“ besuchen. Drei junge Männer haben aber noch ganz andere Sachen im Sinn, als nur Gespräche zu führen. Sie wollen einem Mithäftling, nennen wir ihn Ömer, eine ordentliche Abreibung verpassen. Wie das selbsternannte starke Männer so machen – zu dritt.

Niemand soll Zeuge werden

Sie haben das Gerücht vernommen, der 20-jährige Münchner sitze wegen eines Sexualdeliktes ein. Dabei stimmt das gar nicht. Ömer wurde nur wegen Diebstahls verurteilt. Kurz zuvor hat er noch versucht, das seinen Mithäftlingen nachzuweisen. Doch leider hat er kein entlastendes Dokument zur Hand. So schlendern sie, nacheinander, um kein Aufsehen zu erregen, in die Zelle, in der sich Ömer aufhält.

Doch Ömer ist in dem kleinen Raum nicht alleine. Einen der Anwesenden schicken die drei jungen Männer mit harschen Worten kurzerhand hinaus auf den Flur. Der andere, der hier wohnt, verkriecht sich in eine Nische und wendet den Blick ab. Damit er später behaupten kann, nichts gesehen zu haben. Einer der Eindringlinge lehnt sich danach gegen die Zellentür. So kann niemand herein. Schließlich braucht es keine Zeugen für das, was jetzt kommt. Aber auch Ömer kann nicht an ihm vorbei.

Es beginnt eine Verprügelungsaktion nach allen Regeln der Kunst. Zahlreiche Faustschläge treffen Kopf und Körper. Den Kopf Ömers schlagen die beiden Angreifer gegen die Wand. Auch einen Stoß mit dem Knie von unten gegen den Kopf bekommt er ab. Nur wenige Minuten sind die beiden zugange.

Erst als der dritte Mann an der Tür sich mit „Hört auf. Der blutet schon stark. Der hat doch genug!“ einmischt, lassen die Schläger von Ömer ab. Freilich nicht, ohne ihn zum Abschied noch als „Hurensohn“ zu beleidigen und ihn anzuspucken.

Ömer bleibt mit mehreren Platzwunden, Schürfwunden und starken Prellungen im eigenen Blut liegen. Es dauert einige Minuten, bis er sich wieder aufgerappelt hat und die Zelle schwankend verlassen kann. Er hat noch Glück gehabt, dass er weder einen Schädelbruch, noch eine Bewusstlosigkeit erlitten hat.

Drei Tage im Klinikum

„Wenn Sie einen so herhauen, können Sie nie vorhersehen, was daraus wird“, erklärte der Rechtsmediziner Prof. Peter Betz von der Universität Erlangen-Nürnberg die potenzielle Lebensgefahr. Dennoch muss er aufgrund seiner Verletzungen drei Tage im Klinikum Bamberg verbringen. Was folgt, ist eine psychologische Nachsorge in der Krankenabteilung der JVA Stadelheim . Dahin hat man Ömer aus Sicherheitsgründen verlegt.

Noch in der JVA wird das Trio disziplinarisch belangt. Wochenlang dürfen sie weder ihre Zelle verlassen, noch den Fernseher oder andere Freizeitaktivitäten nutzen. Nun mussten sie sich dem Gerichtsverfahren stellen.

„Für Bewährungsstrafen ist bei keinem der Angeklagten Platz“, so der Vorsitzende Richter Martin Waschner. Immerhin hätten alle Angeklagten zahlreiche Vorstrafen und die gefährliche Körperverletzung in einer Jugendstrafanstalt begangen. Damit folgte das Gericht den Anträgen des Staatsanwaltes Stürmer, der von „brutaler Tatbegehung“ gesprochen hatte.

Die früheren Urteile des Trios behandeln alle denkbaren Arten der Körperverletzung , Beleidigung, Nötigung und Bedrohung, räuberische Erpressung, Widerstand gegen und tätlichen Angriff auf Vollstreckungsbeamte.

Der Komplize an der Tür, ein 23-jähriger Mann aus Forchheim, wurde nach Erwachsenenstrafrecht zu 16 Monaten verurteilt. Ihm kam zugute, dass er sich bereiterklärt hatte, seinen Teil der 5000 Euro Schmerzensgeld zu übernehmen. Auch hatte er selbst nicht zugeschlagen. Einer der Schläger, ein 20-jähriger Mann aus Fürth, muss für 20 Monate hinter Gitter.

Die höchste Jugendstrafe mit fünf Jahren erhielt ein 20-jähriger Mann aus Freising. Das lag daran, dass frühere Strafen miteinbezogen wurden. Etwa ein Überfall auf offener Straße in Freising, bei dem er mit einem Butterfly-Messer 100 Euro erpresst hatte. Oder gleich mehrere Angriffe am dortigen Isarufer, bei denen er andere als „Missgeburten“ beleidigt, mit Fäusten ins Gesicht geschlagen und am Ende noch bespuckt hatte. Wer zur Polizei gehen wollte, den bedrohte er.

Was dem Jugendschöffengericht besonders missfiel: Der junge Mann hatte bereits 2018, ebenfalls in der JVA Ebrach, einem Mitgefangenen eine Abreibung verpasst. Er hatte ihn verdächtigt, Turnschuhe gestohlen zu haben, und ihm deshalb zwei Zähne ausgeschlagen.