„Seid ihr alle wieder da?“ lautet derzeit die bange Frage an den Theatern und Konzerthäusern der Republik. Doch zu Saisonbeginn kann man allerorten feststellen, dass der kulturelle Hunger über pandemisch begründete Skepsis gesiegt hat.

Auch in Bamberg sind die symphonisch orientierten Musenfreunde – die Freundinnen nicht zu vergessen! – zurückgekommen. Nicht alle, aber fast alle. Der Blick ins opulente Programmbuch mag diese Entscheidung beflügelt haben, denn dort wimmelt es gleich im Herbst von allerlei Highlights. Allein das Stelldichein der stabführenden Prominenz ist imposant: zwei Ehrendirigenten und zwei Chefdirigenten (ein gewesener und der aktuelle), das muss man erst einmal aufbieten!

Raffinierte Verschiebungen

Beim Saisonauftakt des Hauptabonnements zeigte sich nach der Pause, wie fruchtbar der „böhmische Weg“ ist, den das Orchester unter Jakub Hru ? ša beschreitet. Eine hier nie gehörte kapitale Symphonie Prager Herkunft und generös gespendete Zugaben aus Antonín Dvoráks Feder sind ein deutliches Statement.

Die 4. Symphonie Josef Bohuslav Foersters, dessen langes Leben für die ganze neuere Musikgeschichte gereicht hat, ist eine Entdeckung, die Lust auf mehr macht. Der Kopfsatz beginnt im Duktus eines Trauermarsches, wagt bald kleinere Aufwallungen und spielt dann ausgiebig mit den Motiven.

Es folgt ein pfiffiges Allegro deciso, das einem mit seinen raffinierten rhythmischen Verschiebungen so sehr den Kopf verdreht, dass man zunächst an postpandemische Wirren im Orchester glaubt. Aber nichts dergleichen, die Symphoniker waren perfekt, die Symphonikerinnen natürlich auch, doch Foerster hatte kompositorisch für kreative Unruhe gesorgt. Der dritte Satz kulminiert in klanglichen Sphären, die Assoziationen an die spätere Welt des Cinemascope erwecken, und das in einem zu Jahrhundertbeginn entstandenen Werk. Filmmusik avant la lettre, welche Vorausahnung!

Das Finale mit der Satzbezeichnung „lugubre“ gibt sich durchaus nicht schauerlich, sondern strebt mit kontrapunktischem Aufwand einer klanglichen Apotheose entgegen, die von der Orgel unterstützt wird. Und dies ganz im Sinne der Grundidee des Werkes, dem österlichen Auferstehungsglauben, dem Foerster, wie er später selber sagte, einen „jauchzenden Hymnus “ widmen wollte. Jakub Hru ? ša schien mit missionarischem Ernst in dieser Musik aufzugehen, vergleichbar vielleicht mit jener tiefen Überzeugung , die er seit Jahren der Verbreitung von Josef Suks „Asrael“ gönnt.

Der Bezug zum Konzertanfang ist deutlich, denn Förster war mit Gustav Mahler befreundet, dessen berühmtes Adagietto aus der 5. Symphonie für die ersten Töne der neuen Saison sorgte. Kein Paukenschlag also, sondern ein zartes Hineintasten der Bratschen- und Harfenklänge im Sinne eines „wohltuenden Aufkeimens“, wie das Programmheft treffend formulierte. Für solcherlei Feinheiten braucht es ein sensibles Orchester wie die Bamberger Symphoniker . Maliziös könnte man hinzufügen, dass sie ja unfreiwillig genügend Zeit zum Proben hatten. Deutliche Verjüngung ist zu konstatieren, doch das altersbedingte Fehlen wohlvertrauter Köpfe darf mit Wehmut bemerkt werden.

Kein Saisonbeginn ohne Solobeitrag. Dass mit Katerina Knêziková eine Tschechin Richard Strauss ’ „Vier letzte Lieder “ sang, war sozusagen das Tüpfelchen auf dem böhmischen „i“.

Die gefragte Opernsopranistin spürte den atmosphärisch vom Abschied geprägten Gesängen des längst resignierenden Komponisten mit spürbarer Überzeugung nach.

Ihr tiefes Register ist zurückhaltend, aber schön timbriert, das relativ starke Vibrato in den mittleren Lagen verfeinert sich in der Höhe und findet sowohl im Forte wie im Piano zu großer Eleganz. Die wunderbar zarten Höhen im „September“ – ein Genuss. Hru ? ša ließ plötzliche Intensivierungen zu, ließ aber der Musik ihren zarten Grundcharakter.

Welcher Kontrast zum Konzertausklang mit dem tänzerischen Aplomb der Zugaben-Schmankerl!