Blödsinn! – das kommt Eberhard Schellenberger, der jahrzehntewährenden Stimme der „Welle Mainfranken “ im Bayerischen Rundfunk über die Lippen, als er vor den 10. Klassen des Johann-Philipp-von-Schönborn-Gymnasiums aus seinen beiden Stasi-Akten zitiert. Zu vieles ist Nonsens, belangloser Kram, oftmals etwas aufgehübscht, um sich vor Vorgesetzten wichtig zu machen. Und was ist dann an solchen Sammlungen aus einem totalitären Staat so interessant?

Der ehemalige Radioredakteur, der in Zeil am Main beheimatet ist, schlüsselt das in einem Buch auf, das im September 2022 herausgekommen ist. Es sind die Menschen, die einem mehr oder weniger nahe kommen und Gefallen daran finden, Sprache und Denkweise des anderen in verräterischer Absicht „auszuplaudern“.

„Gefallen“ finden muss man in der DDR schnell, wenn eigene Verfehlungen unter den Tisch fallen sollen, wenn man sich um Systemkonformität bemühen möchte oder noch besser davon überzeugt ist, wenn die Familie zu schützen ist oder einfach Geld braucht.

Der Journalist bekam mit seinem ersten DDR-Besuch seine erste Akte angelegt. Später und wegen seiner zahlreichen Besuche in der Gegend des Thüringer Waldes, sollte in Suhl eine ungleich größere Akte entstehen, die den Decknamen „Antenne“ bekam. Seit 1983 gerät Schellenberger in das Visier der Stasi . Er hat auch im Staate Erich Honeckers seinen Job gemacht, er hat berichtet, was aus mainfränkischer Sicht im Arbeiter- und Bauernstaat interessant gewesen ist.

Überrascht von 400-seitiger Akte

Natürlich findet man bei dieser Arbeit auch Menschen, die behilflich sein wollen, die die gemeinsame Geselligkeit schätzen und auch diejenigen, die in dem Wessi-Reporter einen Helfer vermuten. Die anderen, die in den langen Mänteln, die mit wenigen Schritten Abstand so „unauffällig – auffällig“ dem Stadtrundgang folgen oder am Nebentisch im Lokal den freundschaftlichen Gesprächen lauschen, werden nach Aussage von Schellenberger einigermaßen schnell geoutet.

1992/93 bekommt Eberhard Schellenberger den Hinweis, dass in diversen Stasiunterlagen sein Name auftaucht, mit einer Bezugsnummer versehen. Er stellt einen Antrag auf Herausgabe. Monate später kann er seine Akte einsehen und ist über den Umfang von 400 Seiten überrascht. So hautnah und fast lückenlos in der DDR beobachtet worden zu sein, bloß weil man bei der ersten Einreise seinen Beruf ehrlich angegeben hatte, beeindruckte sehr. Und wer da alles für die Stasi tätig war, wie zum Beispiel der Berufskollege, der Schellenberger oftmals begleitet hatte und der ein freundschaftliches Verhältnis vorspiegelte oder Bekannte, die mit am Tisch beim „Griechen“ in Würzburg saßen: ihre „Berichte“ fanden Eingang in die Akte „Antenne“. Selbst der Mellrichstädter Aktionskreis „Innerdeutsche Kontakte“, zu dem der Würzburger Redakteur Verbindung pflegte, wurde von der Stasi infiltriert.

Bis zur letzten Minute waren die Erzählungen von Schellenberger spannend. Schülerinnen und Schüler konnten sich in der Fragerunde auf wenige Ergänzungen beschränken, denn er hatte alles gut durch Bilder und Ausschnitte aus seinen Radiosendungen belegt und die Hintergründe beleuchtet. Man hatte den Eindruck, dass sich die Zehntklässerinnen und Zehntklässer bereits gut in der Materie auskannten.

Das Buch

Eberhard Schellenberger, Deckname Antenne, Echter Verlag Würzburg ISBN 978-3-429-05769-5