"Was ist für euch ein Schatz?", fragt Inge Goebel. Die Augen der neugierig dreinblickenden Mädchen und Jungs werden größer. "Das ist ganz unterschiedlich", meint die neunjährige Nora. "Das kann ein schönes Erlebnis sein oder dass man etwas zusammen macht", weiß die ein Jahr ältere Saskia. "Auf jeden Fall muss ein Schatz nicht immer ein Goldklumpen sein", stellt Goebel fest. Die Schatzsuche, mit der die Interessengemeinschaft Synagoge das Jugend-Sommerferienprogramm der Gemeinde bereicherte, wurde für zahlreiche Kinder zu einem Erlebnis.
Inge Goebel, Vorstandsmitglied der IG Synagoge, hatte dafür einen Katalog mit 17 mehr oder weniger kniffligen Fragen ausgearbeitet. Die Antworten fanden die Teilnehmer auf der Frauenempore der ehemaligen Synagoge, die eine Dauerausstellung zur Geschichte der Juden am Obermain beherbergt. Auch Bürgermeister Robert Hümmer und die Vorsitzende der CHW-Bezirksgruppe Burgkunstadt/Altenkunstadt, Jutta Löbling, machten bei der Schatzsuche mit.
Eine Stunde hatten die Schatzsucher Zeit, die richtigen Lösungen in den Vitrinen mit Exponaten und Beschreibungen zu finden. "Wann konnte man kostenlos zum Arzt gehen?", lautete eine Frage. "Bei Dr. med. Leonhard Seeligsberg, einem Spezialarzt für Ohren-, Nasen- und Halskrankheiten, konnte man das jeden Tag von 8 bis 9 Uhr. Steht alles auf dem Schild da", wusste Darius. Die Mädchen und Jungs fanden heraus, dass die aus Altenkunstadt stammenden Brüder Lindner in Burgkunstadt eine Dampf-Senffabrik gegründet haben, ein Gulden 60 Kreuzer hat und dass jüdische Bürger vor 200 Jahren ihre Stuben nicht nur mit Kerzen, sondern auch mit Sabbatlampen beleuchtet haben. Ein Exemplar aus dem 18. Jahrhundert ist in der Dauerausstellung zu sehen.
Die Kinder entdeckten bei ihrer Schatzsuche eine bunte Hawdala-Kerze, die zum Ausklang des Sabbats am Samstagabend angezündet wurde, einen Tora-Zeiger zum Lesen der Schriftrolle und ein Kartenspiel aus dem Jahr 1650. "Die Leute hatten ja früher weder Fernsehen noch Internet. Deshalb spielten sie zum Zeitvertreib Karten oder sie würfelten", erläuterte Goebel. Hatten die Kinder vor 150 Jahren schon Schulhefte? "Aber natürlich", ruft Saskia und zeigt auf ein Schönschreibheft aus dem Schuljahrgang 1860/61. Es gehörte der "Feiertagsschülerin" Johanna Kraus, die damals die erste Klasse besuchte.
Von welchem Tier stammt das Schofar-Horn? Schon wieder so eine knifflige Frage. Inge Goebel half ein wenig nach: "Da man es auch Widder-Horn nennt, stammt es folglich vom Schaf." An den jüdischen Feiertagen Rosch ha-Schana und Jom Kippur wurde es in der Synagoge geblasen. Aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stammt das Schofar-Horn, das die Dauerausstellung bereichert. Die jungen Schatzsucher versuchten, ihm Töne zu entlocken. "Da kommt ja nix raus", stellte Marius fest, nachdem er mehrfach umsonst die Backen gebläht hatte. "Das geht auch nicht so einfach. Dazu bedarf es einer besonderen Technik", tröstete Goebel. Die Juden lebten mit zwei Kalendern: Gemäß der jüdischen Tradition mit dem Mondkalender, bei dem das Jahr 354 Tage hat, und dem bürgerlichen Sonnenkalender mit 365 Tagen. Die Mädchen und Jungs sollten herausfinden, um wie viele Tage der jüdische Kalender kürzer ist als der christliche. Mit ein bisschen Kopfrechnen hatten sie im Nu herausgefunden, dass es elf Tage sind. "Ihr habt wunderbar gearbeitet und viel gelernt", lobte Inge Goebel. Da es keine Sieger gab, erhielten alle zur Belohnung ein Eis.