Roland Schönmüller Im hohen Mittelalter errichten die Gläubigen in Steinbach an der Haide ihre erste Kirche um 1250. Als Patrozinium suchen sich die dortigen Christen eine damals aktuelle Heilige aus: Es ist Elisabeth von Thüringen, die zwei Jahrzehnte vorher mit 24 Jahren gestorben ist. Wohl hundert Jahre später entstehen im kleinen Steinbacher Gotteshaus unweit der Burg Lauenstein die ersten Fresken zu Ehren der beliebten Schutzpatronin.

Auf einer Darstellung von mehreren spätmittelalterlichen Wandbildern im Chor kann man die thüringische Heilige noch heute entdecken: Gezeigt wird sie nicht mit dem bekannten Rosenwunder, sondern eindrucksvoll in Witwenkleidung - als nachhaltiger Hinweis auf ihr bewegtes Leben und als Ausdruck der Bewahrung christlicher Tugenden (Treue, Verzicht, Armut, Askese, Barmherzigkeit, selbstlose Nächstenliebe).

2015 findet hier im zweifachen bundesdeutschen Gold-Dorf in der schmucken Grenz-Kirche eine gelungene Renovierung statt, die die altehrwürdigen Fresken nun nach der Entdeckung im Jahr 1964 in noch besserem Licht zeigen. Neben der heiligen Elisabeth erkennt man die Heiligen Drei Könige als Verkörperung der drei Lebensalter und der damals bekannten Kontinente, dann den Gründer von Kloster Saalfeld, Erzbischof Anno II. von Köln, und die imposante Burg Lauenstein: nah und fern, jung und alt rücken in den Freskenbildern zusammen und erzählen mit biblischen und regionalen Bezügen (Heils-)Geschichtliches für die Besucher.

Mehr als siebenhundert Jahre nach der Heiligsprechung von Elisabeth wird 1976 in der Hesselbacher Flur eine renovierte Sandsteinmarter aufgestellt. Eine von vier neuen Bronzetafeln des Kronacher Künstlers Heinrich Schreiber zeigt die populäre Heilige: Noch gibt es keine bundesdeutsche Wiedervereinigung. Wehmütig schauen Einheimische in Richtung Posseck nach Thüringen, ins Land der beliebten Heiligen. Erst nach 13 Jahren wird sich die Grenze öffnen, Deutsche aus zwei Staaten können zusammenfinden, die Wartburg bei Eisenach, der Wohnort der Landgräfin, rückt wieder näher ins (Glaubens-)Bewusstsein der Bundesbürger hin zu einer Königstochter, die nur 24 Jahre alt wurde und die für ihre Zeit ein sehr außergewöhnliches Leben führte.

Wer war Elisabeth? Elisabeth, Tochter aus königlichem Haus, wurde mit 14 Jahren bereits verheiratet, mit 15 Jahren war sie Mutter, als sie 20 war, starb ihr Mann, Landgraf Ludwig von Thüringen. Nun geriet sie auch selbst in Not, musste die Wartburg verlassen und widmete sich fortan in Marburg den Armen, den Kranken und Verlassenen. Sie weihte ihr Leben Gott, dem Herrn, nach der Regel des Dritten Ordens des heiligen Franz von Assisi.

Leben für die Armen

Elisabeth von Thüringen war schon zu Lebzeiten ein Symbol selbstloser Nächstenliebe. Nur vier Jahre nach ihrem Tod wurde sie im Jahr 1235 von Papst Gregor IX. heilig gesprochen. "Heilige sind Menschen, durch die das Licht Gottes scheint." So sagt es ein Sprichwort. Durch ihr Leben haben die Heiligen ein beredtes Zeugnis gegeben von Gottes Liebe zu allen Menschen.

Um sich das Leben der heiligen Elisabeth vorstellen zu können, muss man sich in ihre Zeit hineinversetzen, ins Hochmittelalter, das von etwa 1000 bis 1300 dauerte. Es war die Zeit der Ritter und Kreuzzüge, der großen Bettelorden wie Franziskaner und Dominikaner. Die Gesellschaft war in drei Klassen aufgeteilt: Die Adeligen vom König bis zum einfachen Ritter waren für die Ordnung im Staat und die Verteidigung nach außen, die Kriegsführung, zuständig. Die Kirchenleute bildeten den zweiten Stand. Sie kümmerten sich um das Seelenheil und die Erziehung der Menschen.

Doch die große Mehrheit der Bevölkerung gehörte zum dritten Stand, den Bauern, Handwerkern und Händlern. Die meisten von ihnen lebten in Armut. Es gab weder Kranken- noch Rentenversicherung. Wurde jemand alt oder krank, so war er auf die Hilfe seiner Angehörigen angewiesen oder er wurde zum Bettler.

Trotz allem ging es im Hochmittelalter mit der Wirtschaft aufwärts. Viele Städte entstanden. Handel und Handwerk entwickelten sich und manche Menschen konnten zu einem bescheidenen Wohlstand kommen.

Doch die Kehrseite gab es auch: Gerade in dicht besiedelten Gebieten breiteten sich Seuchen schnell aus, Brände und Naturkatastrophen wirkten verheerend. Viele Mittellose suchten in Städten und Klöstern Zuflucht.

Elisabeth wird zur Heiligen

Elisabeth macht das Gleiche. Sie teilt weit mehr von ihrem Besitz, als es für ihren hochadeligen Stand üblich ist, und verrichtet niedrigste Arbeiten , um anderen zu helfen. Ihre Zeitgenossen verspotten sie dafür. Doch ihr Mann unterstützt sie. Als dieser auf dem Kreuzzug 1227 stirbt, muss Elisabeth mit ihren drei kleinen Kindern die Wartburg verlassen, da die Verwandten ihres Mannes Angst haben, sie könnte ihr ganzes Vermögen verschenken. Von ihrem Witwengeld errichtet Elisabeth ein Krankenhaus in Marburg. Dort pflegt sie selbst die Kranken und kümmert sich sogar um Aussätzige.

Der Aussatz führte damals dazu, dass der davon Befallene aus der Gesellschaft völlig ausgeschlossen wurde, doch sie soll sogar ihr eigenes Bett für einen Leprakranken zur Verfügung gestellt haben. Natürlich ranken sich allerhand Legenden um Elisabeths Leben. Fest steht jedoch, dass sie sich in außerordentlicher Weise für andere aufgeopfert hat. So sehr, dass sie bereits 1231, im Alter von nur 24 Jahren, an Erschöpfung stirbt.

Obwohl sie vielen Kirchenleuten ihrer Zeit ein Dorn im Auge ist, wird sie bereits vier Jahre nach ihrem Tod vom Papst heiliggesprochen. Auch wenn uns heute manche Aspekte von Elisabeths Leben merkwürdig und fremd erscheinen, war sie eine erstaunliche Frau, deren kompromissloser Einsatz für andere auch heute noch beachtenswert ist.