Herzogenaurach — Eine Studienfahrt ins Bamberger Umland und in die Domstadt führte der Heimatverein Herzogenaurach vor Kurzem durch. Ziel der geschichtlichen Exkursion waren Sassanfahrt, das Gärtner- und Häckermuseum und die Barockkirche "Obere Pfarre" in Bamberg.
Der Ortsname Sassanfahrt bedeutet so viel wie "Sachsen-Überfahrt" und geht zurück auf das 8./9. Jahrhundert, als zwangsangesiedelte Sachsen über die Regnitz gebracht wurden. Hier am Rande des Steigerwalds startete der Adlige und Reichsritter Ulrich von Soden eine großangelegte Siedlungsaktion, indem er Siedler anlockte, ihnen kleine Grundstücke zuwies und sie beim Bau kleiner Häuser unterstützte.
Auf kaum mehr als 30 Quadratmetern hausten diese Familien in spartanischen Verhältnissen. Und weil sie nicht mehr Grund und Boden besaßen als der vom Dach herunter tropfende Regen Spuren hinterließ, wurden die Häuschen als "Tropfhäuser" bezeichnet, und ihre Bewohner waren demzufolge "arme Tröpfe".
Eines dieser Häuschen wurde in den letzten Jahren restauriert und ist wohl das kleinste Museum Bayerns. Ein kleiner Wohnraum im Erdgeschoss, dazu eine winzige Kochstelle und eine schmale Schlafstelle sowie ein spärliches zugiges Zimmerchen unter dem Dach: Hier hausten diese Häusler samt Kindern und womöglich noch zusammen mit den Großeltern.

Ein armseliges Leben

Die so genannte Peuplierungspolitik von Sodens nach dem Motto "Menschen bringen Steuereinnahmen und somit Geld" erwies sich letztlich jedoch als Fehlspekulation. Da die versprochenen Arbeitsplätze in einer nahen Papiermühle dünn gesät waren, mussten die Sassanfahrter Neusiedler mit Gelegenheitsarbeiten als Maurer oder Handlanger ein armseliges Leben fristen. Mit Heimarbeit und Hausierhandel hielten sie sich notdürftig über Wasser. Teilweise wurde die Kinder im Herbst zum Kartoffelstehlen auf die umliegenden Felder geschickt, die Arbeitslosen sprachen dem Glücksspiel und billigem Alkohol zu, was dem "guten Ruf" des Ortes recht abträglich war.
"Kleine Leute" gab es auch in Bamberg, wenngleich hier die Armut bei Weitem nicht so groß war wie in Sassanfahrt. Als Gärtner oder Häcker, wie man die kleinen Winzer bezeichnete, konnte man einträglich leben. In der Gärtnerstadt besaßen viele von ihnen ihre Häuschen mit Grundstücken von einem bis zwei Hektar, manchmal sogar nur schmale Parzellen, wie sie im neu errichteten Museum zu sehen sind. Die Bamberger Gärtner versorgen noch immer die Stadt und das Umland mit frischem Gemüse und Obst. Man hatte sich seit der "kleinen Eiszeit" im 16. Jahrhundert vom Weinbau abgewendet und sich stattdessen auf den Obstanbau konzentriert.
Im Gartenstreifen hinter dem Anwesen des Gärtnermuseums treiben zurzeit die ersten Gemüsepflanzen wie die "Schdadsinäri". Das sind die vom italienischen Wort für Wurzel "scorzonera" abgeleiteteten Wurzeln, die hochdeutsch als die Schwarzwurzeln oder der "Spargel des kleinen Mannes" bekannt sind. Und mit weiteren fränkischen Mundartausdrücken aus dem Raum Bamberg wurden Herzogenaurachs Heimatfreunde bekannt gemacht, so zum Beispiel mit dem "Freedla", einer kleinen Hacke, die zum Entfernen des Unkrauts diente.
Nicht vergessen werden darf auch ein typisch bambergisches Gewächs, dessen Wurzeln seit dem Mittelalter bekannt sind: das Süßholz, der "Kaugummi des Mittelalters" und die Grundlage für die Lakritzherstellung. Nicht zuletzt bietet das Museum unweit der St.-Otto-Kirche wertvolle sakrale Geräte, die heute noch bei Prozessionen mitgeführt werden. Alles in allem haben die Gärtner und der Erhalt ihres Viertels dazu beigetragen, dass Bamberg mit seiner Altstadt seit 1993 zum Unesco-Weltkulturerbe gehört.
Von den zahlreichen Bamberger Kirchen besuchten die Teilnehmer die aus der Zeit der Gotik (14. Jh.) stammende Kirche "Obere Pfarre", die im 18. Jahrhundert barockisiert worden ist und mit dem Gnadenbild "Maria mit Kind im Hochalter" sowie mit dem überdimensionalen Gemälde "Himmelfahrt Mariens" von Jacopo Tintoretto herausragende Kunstwerke besitzt.
Klaus-Peter Gäbelein