Am 1. Oktober 2018 informierte das Landratsamt in Haßfurt als staatliche Aufsichtsbehörde die Geschäftsleitung der Seniorenresidenz, dass eine Schließung angeordnet wird, nachdem vorherige Anordnungen und Zwangsgelder nicht gefruchtet hatten. Der Behörden-Bescheid zur Betriebsuntersagung wurde am 12. November aufgrund der festgestellten Mängel und Gesetzesverstöße seit August 2016 zugestellt. Auch nach diesen Behörden-Hinweisen gab es weitere Unzulänglichkeiten.

Ganz aktuell hat nun der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MdK) die Ergebnisse seines jüngsten Kontrollganges kurz vor der Jahreswende veröffentlicht. Sie waren im laufenden Gerichtsverfahren gar nicht mehr aufgetaucht: Am 20. November hatte die Einrichtung im Itzgrund zum dritten Mal in diesem Jahr Besuch von den Coburger MdK-Inspizienten bekommen. Also fast auf den Tag genau, zwei Jahre nach dem Polizeieinsatz mit Hausdurchsuchungen und Festnahmen.

Im Normalfall erfolgt ein (Routine-)Kontrollgang pro Jahr. Das aktuelle Urteil: 3,6 bei der Pflege und medizinischen Versorgung. Eine ganz schlechte Note. "Alles, was von 1,0 abweicht, zeigt Mängel auf", hat eine MdK-Sprecherin schon zu Beginn erklärt, als unsere Zeitung ab August 2016 aufgrund von vielen Zeugenaussagen den Pflegeskandal publik machte.

Nun also der neuerliche MdK-Bericht über die Kontrolle Ende November.

Da waren nur noch 59 Heimbewohner in Gleusdorf verzeichnet. Für die Prüfung zufällig ausgewählt wurden - wie zuletzt immer - neun Patienten, deren Akten studiert und deren Befindlichkeiten angeschaut wurden. Eine konkrete Befragung war in keinem Fall möglich, wie dem Transparenzbericht zu entnehmen ist, der im Internet unter www.aok-pflegenavigator einzusehen ist.

Das Notensystem erinnert zwar an Schulnoten, ist damit aber keineswegs vergleichbar. "Alles, was von 1,0 abweicht, zeigt schon Mängel auf", sagte die mittlerweile in den Ruhestand getretene Leitende MdK-Pflegedienst-Chefin Dr. Ottilie Randzio gegenüber dieser Zeitung. Ihren Kollegen aus Coburg waren mehrere Ungereimtheiten aufgefallen. Besonders im Zusammenspiel mit Ärzten. Aber auch auf Fragen, wie: Wird das Wundliegen individuell erfasst (bei vier von neun Bewohnern vollständig erfüllt)?; oder: Erfolgt eine systematische Schmerzeinschätzung (bei Null von drei Bewohner erfüllt)?, werden Defizite offenbar.

Die Bewertung der pflegerischen und medizinischen Versorgung macht mit 32 Kriterien den Schwerpunkt der Qualitätsprüfung aus, wobei die Gesamtnote auch von ganz anderen Aspekten beeinflusst wird. Das System wurde zu Beginn 2017 neu strukturiert und soll nach dem Willen des jetzigen Bundesgesundheitsministers Jens Spahn erneut überarbeitet werden.

Dabei haben die Pflegeeinrichtungen ein Mitspracherecht, wie auch die Seniorenresidenz Gleusdorf vor jeder Veröffentlichung nochmals gehört wird.

Dies gilt auch beim anhängigen Verfahren vor den Verwaltungsgerichten, die die vom Landratsamt in Haßfurt seit 2016 aufgelisteten, gravierenden Mängel und Verstöße gegen das Gesetz zur Regelung der Pflege- , Betreuungs- und Wohnqualität im Alter und bei Behinderung, die zur Anordnung auf Schließung führten, juristisch bewerten.

Mehrfach hatte das Landratsamt Zwangsgelder festgesetzt, auch Aufnahmestopps verhängt. Weil dies nicht fruchtete, folgte nun die in Bayern bisher kaum praktizierte Betriebsuntersagung, die an vielen Einzelfällen festgemacht und begründet wurde. Weil damit strafrechtliche Delikte verbunden sein dürften, ermitteln Kriminalpolizei Schweinfurt und Staatsanwaltschaft Bamberg.

Seitens der Heimleitung oder deren Rechtsvertreter wird entgegnet, dass es sich um Einzelfälle handle, die auf individuelles Fehlverhalten von Pflegekräften zurückzuführen sei. Mittlerweile seien ferner der Hygieneplan aktualisiert, die zweite Fäkalienspüle angeschafft und Deutschkurse für ausländische Mitarbeiter durchgeführt worden. Zum 1. Dezember sei eine gerontopsychiatrische Fachkraft neu eingestellt worden.

Dabei handelt es sich um eine Mitarbeiterin, die bereits in Schloss Gleusdorf gearbeitet hat und die Gegebenheiten dort kennt. Wegen des Nichterfüllens der Fachkraftquote verweist die Geschäftsleitung auf die schwierige Situation am Arbeitsmarkt, geeignete Mitarbeiter zu finden. Von den Unmengen an Arbeitsgerichtsverfahren mit früheren Beschäftigten und der hohen Fluktuation innerhalb des Personals ist in dem Schriftsatz der Heim-Anwältin nicht die Rede.

Das Verwaltungsgericht in Würzburg verneinte in erster Instanz die Chance auf einen Vergleich, da die Mängel der fehlenden Struktur und nicht dem Fehlverhalten einzelner Pflegekräfte geschuldet seien, sondern auf eine Systematik und Missachtung von Berufspflichten schließen ließen. Über diese Bewertung urteilen nun die Richter des Verwaltungsgerichtshofes München als Beschwerde-Instanz.