Mit einem Filmabend endete die erste Interkulturelle Woche in Münnerstadt. Sie konnte dank finanzieller Unterstützung durch den Lions Club Bad Kissingen, der Fördervereine von Gymnasium und BBZ und des Elternbeirats des Gymnasiums stattfinden. Auch Bürgermeister Michael Kastl stand den Aktionen sehr wohlwollend gegenüber und stellte für diesen Abend die Mehrzweckhalle zur Verfügung.

Gezeigt wurde den mehr als 100 Gästen der oscarnominierte Film "Für Sama". Die junge Mutter Waad al-Kateab filmt mit ihrem Handy und ihrer Kamera fünf Jahre Bürgerkrieg in der syrischen Stadt Aleppo. Der Film schildert die Erlebnisse Waad al Kateabs und ihres Ehemanns, der leitender Arzt in einem der letzten funktionsfähigen Krankenhäuser ist. Neben Bombardements und unsäglichem menschlichen Leid zeigt der Film auch Spuren von Freude und Lebensmut der Menschen, die für Freiheit und Menschenwürde kämpfen. Um dem Tod zu entgehen, bleibt den Menschen nach fünf Jahren Freiheitskampf nichts anderes übrig, als zu fliehen. Als Zuschauer fragte man sich, warum haben sie das nicht viel früher getan?

Was erwartet solche Menschen nach der Flucht, und was brauchen sie? Das war die zentrale Fragestellung in der sich anschließenden Podiumsdiskussion, in der Jessica Müller, Projektleiterin des Landratsamtes Bad Kissingen für Asyl, Migration und Integration, sowie Stefan Seufert, Integrationsbeauftragter des Landratsamtes Bad Kissingen, und Jutta Ort von der Caritas-Flüchtlingsberatung Rede und Antwort standen.

Jessica Müller beschrieb die verschiedenen Stationen nach der Flucht. Manche zahlen womöglich Schleppergebühren von etlichen tausend Euro, bis sie in einer Aufnahmeeinrichtung, dem sogenannten Ankerzentrum, eintreffen. Nachdem ein Asylantrag gestellt wurde, erfolgt die Verlegung nach dem sogenannten "Königsberger Schlüssel" in einzelne Kommunen. In Münnerstadt werden die Geflüchteten in der Bergstraße aufgenommen. Hier bekommen sie vonseiten der Caritas-Flüchtlingshilfe Beratung. Der Asylantrag führt schließlich zu einer Anhörung beim Bundesamt für Migranten und Flüchtlinge (BAMF).

Die ursprünglich 200 Beratungsstunden für Geflüchtete sind auf 70 Wochenstunden gekürzt worden, stellte Jutta Ort ernüchtert fest. Effektiv bleiben im Moment noch 1,5 Tage für die Betreuung der Flüchtlinge in Münnerstadt. Die Kosten dieser Arbeit der Caritas in der Flüchtlingsberatung werden zu 80 Prozent vom Staat getragen. Die Kirchen wollen sich zukünftig jedoch noch stärker aus der Flüchtlingsberatung zurücknehmen.

Umso mehr sei das ehrenamtliche Engagement nach wie vor unverzichtbar, stellte Stefan Seufert fest. Als Beispiele nannte er praktische Hilfestellungen beim Erstellen von Bewerbungsschreiben oder bei der Job- und Praktikumssuche in sogenannten Begegnungscafés. Viel gewonnen sei schon mit Offenheit der Nachbarschaft für Neuzugezogene bei einem Plausch am Gartenzaun oder auf der Straße, im Sportverein, im Kindergarten oder beim Einkaufen im Geschäft.

Zwei junge Männer aus dem Publikum waren spontan bereit, ihr Leben nach der Flucht aus Syrien zu schildern. Sie berichteten von der raschen Eingliederung in das Schul- und Ausbildungssystem, was zum zügigen Erlernen der deutschen Sprache und zur erfolgreichen Integration in die Arbeitswelt entscheidend beigetragen habe. "Schule und Betreuer haben viel in mich investiert", sagte einer der beiden. Beide befinden sich nach dem erfolgreichen Besuch der Berufsfachschule für Sozialpflege im dritten Jahr ihrer Ausbildung zur Pflegefachkraft und werden in einem Jahr als dringend benötigte Pflegekräfte dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Verständnis und Akzeptanz erfahren die jungen Männer nach ihren Schilderungen besonders durch die ältere Generation, die den Krieg und Vertreibung noch selbst erlebt hat und das damit empfundene tiefe Leid nachempfinden kann.

Die aufnehmende Gesellschaft muss sich für Integrationswillige öffnen. Dazu gehört laut Stefan Seufert auf EU-Ebene, dass Zuwanderung akzeptiert wird und man sich mit Integrationsfragen beschäftigt. Gerade auch in der Arbeitswelt - Stichwort eklatanter Pflegemangel - sei Zuwanderung aus demographischen Gründen notwendig. Mit dieser Äußerung fasste Seufert die Zielsetzung des Abends treffend zusammen.

Dass diese Zielsetzung erreicht wurde, belegte die Aussage einer Besucherin:"Wir sollten nicht nur darüber sprechen, was es uns kostet, sondern auch bedenken, wie sehr uns die anderen Kulturen bereichern."

Dies zu vermitteln, will sich das Veranstaltungsteam der "1. Interkulturellen Woche" auch im kommenden Jahr in Münnerstadt zum Ziel setzen. red