24 unbegleitete junge Flüchtlinge im Alter von 14 bis 17 Jahren sind derzeit im früheren Kindergarten (ehemals Schule) am Sonnenweg im Stadtteil Ketschenbach untergebracht. Ein Neustadter Freundeskreis wollte den jungen Leuten eine kleine Freude bereiten und sie besuchen. Dieter Seyfarth, der den Besuch organisiert hatte, berichtet von einer für alle bewegenden Begegnung.
Natürlich wurde diese Aktion der Neustadter mit den vor Ort tätigen Sozialpädagoginnen des Landratsamtes Coburg vorher abgestimmt. Im Vorraum der Küche, der als Speiseraum genutzt wird, war schnell eine lange Tafel aufgebaut. Sie wurde nach deutschem Brauch adventlich mit Fichtenzweigen, bunten Servietten und Kerzen eingedeckt. "Jeder von uns hatte etwas mitgebracht: Stollen, Kuchen, hausgebackene Plätzchen, allerhand Süßigkeiten, Schokolade, aber auch Äpfel und Mandarinen. Dazu gab es Tee oder wahlweise auch Kaffee", berichtet Seyfarth.
Wie die Betreuerinnen erzählten, kommen 16 der Jugendlichen aus Afghanistan und acht aus Pakistan. Zwei junge Syrier werden noch erwartet. Alle lernen regelmäßig in der Haarbrücker Schule die deutsche Sprache. "Wie geht es Ihnen?" oder "Wie heißen Sie?" Mit diesen Fragen stellten Salim, Naweed, Mohamad Shafi, Khorshid, Dahir, Fahim, Ehsan, Iman, Ghulam und Hamid aus Afghanistan sowie Fakhar, Waqas und Hussnein aus Pakistan nicht ohne Stolz ihre ersten erworbenen deutschen Sprachkenntnisse vor.


Fremd klingende Namen

An die recht fremd klingenden Namen müssen sich die Neustadter wohl erst noch gewöhnen. Doch Seyfarth weiß: "Umgekehrt ist es für die jungen Pakistani und Afghanen sicherlich ebenso gewöhnungsbedürftig, wenn sie sich mit den deutschen Namen wie Freimut, Anne, Siegfried, Hildegard oder Dieter vertraut machen müssen."
Die meisten der unbegleiteten Minderjährigen waren monatelang auf der Flucht, erfahren die Besucher. So zum Beispiel Zia, der vier Monate von Afghanistan nach Deutschland unterwegs war. Dieter Seyfarth ist tief beeindruckt: "Man muss sich nur die Entfernungen vorstellen! Deutschland - Pakistan rund 5300 Kilometer, Deutschland - Afghanistan rund 5000 km Luftlinie.


Schicksale erfahren

Bald wurde den Besuchern klar, jeder der jungen Leute hat seine persönliche Geschichte. Schlimmes haben sie mitgemacht, gelitten haben sie und Unvorstellbares erleben müssen. Nun sind sie hier im Neustadter Stadtteil Ketschenbach in Deutschland in Sicherheit und warten und hoffen auf ein besseres Leben. Und noch einen Eindruck nahmen die Besucher mit: "Sie sind auch ehrgeizig, wollen schnell die deutsche Sprache und einen Beruf erlernen. Da liegt aber noch ein weiter Weg vor ihnen" sagt Seyfarth.
Und dann ist da noch die andere Seite: Wehmut, Sehnsucht, Traurigkeit, aber auch Hoffnung ist aus ihren Augen zu lesen, finden die Besucher. Dass es hier in Deutschland nicht so einfach ist, wie manch einer es sich vielleicht vorgestellt hat, haben sie schon beim Erlernen der deutschen Sprache gemerkt, wie sie ihren Besuchern schildern. Und gemerkt haben sie bisher auch, dass vieles in Deutschland anders ist als in ihrer Heimat, und dass fast alles nach festen Regeln und Gesetzen geht und abläuft. Da ist für die meisten der Jugendlichen wohl ein großes Umdenken gefordert. Das gilt auch in anderer Hinsicht. In ihrer Unterkunft sind die jungen Leute im Tagesablauf fest mit eingebunden, sei es beim Zubereiten des Essens, beim Tischdecken, beim Abspülen oder beim Reinigen der Räume. Das müssen sie alles selbst machen.


Dann ruft der Fußball

Die Besucher erleben auch erste Ansätze von Integration direkt mit. Einige der jungen Leute spielen gerne Fußball. Als es auf 18 Uhr zugeht, machen sie darauf aufmerksam, dass sie zum Training in die Sporthalle der Neustadter Realschule gehen müssen. Zwei der Helfer fahren sie gerne mit dem Auto dorthin.
Von den Betreuerinnen des Landratsamtes hören wir, dass sich die jungen Leute sonst in der freien Zeit mit den Hausaufgaben aus dem Deutschunterricht beschäftigen, ihre landestypische Musik hören, mit ihren - soweit noch vorhanden - Verwandten in Pakistan oder Afghanistan Kontakt aufnehmen oder aber auf eigene Faust in der Stadt Besorgungen erledigen.


Zehn Euro Taschengeld

Wöchentlich erhalten die Jugendlichen zehn Euro Taschengeld. Davon erfüllen sie sich persönliche Wünsche oder sie sparen das Geld an. Versorgt mit Lebensmitteln und einer Grundausstattung an Hygieneartikeln werden sie vom Landratsamt Coburg. Freuen würden sich die Neuankömmlinge, wenn sie, vor allem an den Wochenenden, mehr Abwechslung hätten. Dies ließen die beiden Sozialpädagoginnen durchblicken.
"Vielleicht gibt es Vereine, Privatpersonen oder sonstige Initiativen, die mit den Jugendlichen mal einen Ausflug unternehmen", hofft Dieter Seyfarth. Die fünf Neustadter Freunde haben sich jedenfalls vorgenommen, bereits im Januar mit den Jungen die Veste Coburg zu besuchen. dsf