von unserem Redaktionsmitglied 
Andreas Lösch

Rügheim — Vor ein paar Jahren hat Thomas Reichert Victoria kennengelernt. Wenn der 49-Jährige von seiner "Vicky" erzählt und wie er unzählige Stunden damit verbracht hat, an ihr herumzumachen, merkt man, dass es ihm sehr ernst war. Darüber schockiert waren weder Reicherts Kinder, noch seine Ehefrau Elfi: "Ich bin es gewohnt", sagt die 48-Jährige.
Die Familie wohnt seit 20 Jahren in Rügheim. "Vicky", die neue Mitbewohnerin, ist 56 Jahre alt, hat drei Gänge und knattert angenehm, wenn ihr 49 Kubikzentimeter großer Zweitakt-Motor anspringt. Sie steht in Thomas Reicherts Garage.
Der Tüftler hat das ziemlich verrostete und vergilbte Zweirad aus dem Hause Victoria (Nürnberg) wieder ganz neu aufgebaut und fahrtüchtig gemacht. Die "Vicky Luxus" stand jahrzehntelang in einer Scheune. Sie war in einem "richtig miserablen, erbarmungswürdigen Zustand", sagt Reichert. Ihre immerhin fast eineinhalb Pferdestärken waren irgendwo eingeklemmt zwischen maroden Motor- und Getriebebauteilen. Reichert hat monatelang viele Abende nach der Arbeit damit verbracht, das alte Moped wieder in Fahrt zu bringen. Dazu hat er es komplett zerlegt, repariert und wieder zusammengebaut. Dabei achtete er darauf, möglichst viele Originalbauteile wieder zu verwenden. Was noch irgendwie zu retten ist, wird restauriert. Wo andere nur Schrott sehen, sieht Reichert eine Möglichkeit.
Und wenn doch mal etwas so verschlissen ist, dass es keine Hoffnung mehr gibt, dann sucht der 49-Jährige so lange auf Börsen oder im Internet, bis er adäquaten Ersatz gefunden hat. Oft ist es so, wenn das ganze Restaurierungs-Projekt fünf Monate lang dauert, dass ein großer Teil für Recherche und Ersatzteilbeschaffung drauf geht. "Etwa die Hälfte der Zeit", sagt Reichert.

Motorenlärm? Das ist Musik!

Motoren zerlegen, an ihnen herumschrauben und sie wieder zum Laufen bringen, ist Arbeit und Gaudi zugleich. "Krach und Gestank", sagt Reichert und grinst, "das macht Spaß." Wenn der Motor dann wieder seine Umdrehungen abspult, ohne zu murren, dann ist das schnellfeuerartige Peng-Peng-Geräusch, das manch einer als Lärm bezeichnen würde, Musik in Reicherts Ohren.
Reichert, der beruflich als Techniker arbeitet, ist ein Sammler, er sagt selbst, er kann nicht anders: Wenn ihn etwas fasziniert, dann steigert er sich rein, verbringt viele Stunden mit Recherche, geht auf Flohmärkte, durchstöbert das Internet. Briefmarken oder Bierfilze sucht man bei ihm vergebens, denn der Rügheimer hat ein Faible für Technik und Mechanik, "alte, mechanische Sachen", wie er sagt.
Kameras, die mit Fotoplatten funktionieren oder alte Radios von stattlicher Größe hatte er einst zusammengetragen. Ehefrau Elfi merkte dann aus schierem Platzmangel im Regal an: "Such dir mal 'was Kleineres." Also stieg Reichert um auf Taschenuhren, aber dabei blieb es nicht. Plötzlich sammelte Reichert Mopeds. "Irgendwie hat er mich falsch verstanden", sagt seine Frau und zuckt mit den Schultern.
Viele alte Mopeds hat Reichert nun repariert und restauriert, darunter einige Vespa-Roller mit Vier-Gang-Handschaltung. Kommt vor, dass der Rügheimer so einem Italiener einen Rennzylinder verpasst. Oder: eine Jawa aus Tschechien, 250 Kubikzentimeter Hubraum, aus den 60er Jahren. 14 PS lassen das Motorrad 110 Stundenkilometer fahren. Alt und gemütlich. Schön dazu.