Sigrun Hannemann Noch einmal öffnete die Lehrerin der Mühlhausener Mittelschule, Beate Ehbauer-Dörres, ihr virtuelles Paket "Wider das Vergessen! Nie wieder!" für ihre Schüler der neunten Klasse. Am vergangenen Freitag fesselte der Jugenbuchautor Dirk Reinhardt die Schüler mit seinen Helden aus dem Buch "Die Edelweißpiraten", einer Protestbewegung von Jugendlichen, die während der Zeit des Nationalsozialismus ihr Leben riskierten.

Reinhardt ist ein gefragter Autor an weiterführenden Schulen und hielt schon weit über 700  Lesungen aus seinen Büchern, die er ausschließlich für Jugendliche schreibt. Er weiß, wie man die Schüler zum Zuhören in seinen Bann zieht. "Die Edelweißpiraten waren ganz normale 16- bis 18-jährige Jugendliche wie ihr und anfangs gar nicht politisch interessiert", erklärt der Autor fast mit einem Augenzwinkern.

Seine Romanhelden seien zwar frei erfunden, aber die Edelweißpiraten habe es unter diesem Tarnnamen tatsächlich als eine eher unbekannte Protestbewegeung neben so namhaften Gruppen wie "Die Weiße Rose" oder "Die Rote Kapelle" gegeben. "Sie lebten zu einer Zeit, als der 18. Geburtstag alles andere als ein erfreuliches Ereignis war. Es bedeutete, zur Wehrmacht eingezogen zu werden und vielleicht niemals nach Hause zurück zu seiner Familie zu kehren."

Erschreckende Worte

Aber wie kam es überhaupt dazu, dass sich die Jungs und Mädchen aus dem Ruhrpott in der damaligen Zeit gegen die Hitler-Jugend stellten und sie sogar verprügelten? "Sie mussten hart arbeiten, oft zehn bis zwölf Stunden an sechs Tagen pro Woche. Die Jungs in der Rüstungsindustrie und die Mädchen in Textilbetrieben", erwähnt Reinhardt. Die zunächst unpolitische Jugendgruppe wehrte sich gegen die Selbstverständlichkeiten der strengen Erziehung unter dem Hitler-Regime. Um sich von der angepassten und folgsamen Hitlerjugend zu distanzieren, trugen sie statt militärischem Kurzhaarschnitt die Haare so lang wie möglich oder bunte Kleidung anstatt der braunen Uniformen.

"Sie wurden erst mit der Zeit eine politische Organisation, als sie Flugblätter der Engländer in die Briefkästen steckten, heimlich Parolen gegen das NS-Regime an die Wände pinselten und die ersten aus ihren Reihen ins Jugend-KZ kamen oder öffentlich hingerichtet wurden. Dazu mussten ihre Mütter erscheinen und zuschauen", waren sehr erschreckende Worte des Autors, der in dem Roman ein Stück seiner eigenen, familiären Geschichte verarbeiten konnte. Sein Vater erinnerte sich noch, wie er mit seiner Mutter bei einem Verhör der Gestapo dabei war, als der Mutter angedroht wurde: "Entweder du gestehst, dass du englische Sender abgehört hast, oder wir behalten deinen Jungen bei uns!"

Als sich Dirk Reinhardt an den Tisch setzt und aus der Erzählung in der Ich-Form vorliest, wird deutlich, wie ein Mitglied der Edelweißpiraten in dem wegen des Folterkellers gefürchteten Kölner Gestapo-Hauses verhört und gefoltert wird. "Das Blut tropfte auf den Tisch", ließ keine Fragen offen. "Es waren Schreie aus dem Keller zu hören, wie von Tieren, aber es waren Menschen", lässt die jungen Mühlhausener Zuhörer ziemlich anschaulich am grausamen Geschehen teilhaben.

Im Anschluss an die Lesung herrscht daher auch erst einmal betroffenes Schweigen. Dann konnten Jonas, Nils, Lina und Clara doch noch ihre Fragen rund um die Entstehung des Romans stellen. Der aus dem bergischen Land stammende Autor erklärte, dass er viel in seiner ehemaligen Heimat im Kölner Raum unterwegs war, als er für den Roman recherchieren musste. "Ich bin froh, dass ich sogar noch eine letzte Zeitzeugin der Edelweißpiraten befragen konnte", betont Reinhardt. Als studierter Historiker kenne er sich gut aus, wo er nach den wichtigen historischen Dokumenten suchen muss.

Eine Frage, die der beliebte Jugendbuchautor mit Ende 50 häufig gestellt bekommt, kam auch diesmal: Ob er denn noch weitere Bücher schreiben und wann er sich zur Ruhe setzen möchte? "Ich schreibe aktuell an einem Roman über jugendliche Cyber-Kriminalisten", ließ vor allem die Jungs der Klasse aufhorchen. "Der Vorteil eines Schriftstellers ist, dass man sich nicht mit 65 Jahren zur Ruhe setzen muss", betonte Reinhardt, der den Beruf gewählt habe, der ihn glücklich macht. Vielleicht denkt der eine oder andere Schüler über diese Worte nach, wenn es bald um die Wahl des eigenen Berufs geht.