Wolfgang Schoberth "Es fällt schwer, bei der Polemik des Herrn Baron von Guttenberg nicht zu beklagen, dass die Deutschen niemals eine Revolution zustandegebracht haben, die dieser Art von Großgrundbesitzern die materielle Grundlage entzogen hätte", ruft er ins Plenum. In den Tumult hinein setzt er mit schneidender Stimme hinzu: "Legen Sie endlich Ihren deutschnationalen Größenwahn ab."

Der Bundestag glich am 5. November 1959 einem Tollhaus. Helmut Schmidt, drei Jahre älter als Guttenberg, Wehrexperte der SPD, zog alle Register, klassenkämpferische Töne eingeschlossen, um den Freiherrn als Reaktionär und Kommunistenfresser zu brandmarken.

"Schmidt-Schnauze"

Die "Schmidt-Schnauze" hatte ihren Einstand in der jungen Bonner Republik. Vorausgegangen war eine Rede Guttenbergs, die die oppositionellen Sozialdemokraten bis aufs Blut gereizt hatte: "Deutschlands Freiheit, so wie Sie sie wünschen", giftet er, "das ist die Zone ohne Ulbricht, das ist die Bundesrepublik mit den sozialistischen Errungenschaften."

Dass die beiden Männer, nach Herkunft und politischen Überzeugungen himmelweit entfernt, jemals zueinander finden würden, ist nicht vorstellbar. 13 Jahre später wird es Helmut Schmidt sein, der an der Totenbahre Guttenbergs sagt: "Er war ein Gegner, nicht ein Feind, vielmehr ein Kamerad."

Geburtshelfer der ersten GroKo

Wenige Wochen nach dem Eklat im Bundestag ist es eine kleine Geste, die das Eis zwischen den beiden bricht. Guttenberg lehnt es trotz massiven Einredens seiner Fraktion ab, den in der Debatte nicht anwesenden Widersacher zu attackieren. Schmidt beginnt, ihn als wertkonservativen Gentleman und unabhängigen Kopf zu respektieren, der auch vor CSU-Chef Franz Josef Strauß nicht in die Knie geht: 1962 führt er auf Schloss Guttenberg und in Bonn eigenmächtig Geheimgespräche mit dem SPD-Fraktionschef Herbert Wehner, um die Möglichkeit einer Großen Koalition zu sondieren. Nach Bekanntwerden schreit die Parteispitze Zeter und Mordio, droht, ihn aus der Partei zu werfen. Guttenberg knickt nicht ein, brüskiert Strauß sogar ein zweites Mal, indem er öffentlich erklärt, er würde wieder so handeln - und übersteht die Affäre.

Die Absicht, die Kanzlerschaft Ludwig Erhards zu beenden, verbindet Guttenberg mit Schmidt. Während Schmidt mit Willy Brandt und Herbert Wehner die Chance wittert, die SPD an einer zukünftigen Regierung zu beteiligen, betreibt Guttenberg den Aufstand wegen der "Friedensnote" von Erhard. In ihr hatte der Kanzler 1966 den Ostblockstaaten Gewaltverzichtserklärungen, Abrüstung und Entspannung angeboten. Für Guttenberg ein nationales Vergehen.

Als die Landtagswahl in NRW für die Union verlorengeht, ist Erhards Ende besiegelt. Der Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Kurt Georg Kiesinger, wird zum Kanzler der ersten Großen Koalition befördert. Guttenberg wird Staatssekretär im Bundeskanzleramt, Schmidt nimmt als SPD-Fraktionschef maßgeblich Einfluss auf die Regierung. Der Hanseat und der fränkische Adlige begegnen sich jetzt nahezu täglich. Sie sehen, dass sie sich vertrauen können. Sie verbindet intellektuelle Schärfe, ein robustes Selbstbewusstsein und ein ausgeprägter Pflichtgedanke. Und: Beide sind sie dem Tabak verfallen: Schmidt, der notorische Kettenraucher, und Guttenberg, dem die Pfeife nie erkaltet.

Besuche am Krankenbett

1968 stellen sich bei Guttenberg erstmals Muskelzuckungen und Gehbeschwerden ein. Diagnose: Amyotrophe Lateralsklerose, unheilbar. Die Lähmung des gesamten Nervensystems wird unaufhaltsam voranschreiten bis zum Erstickungstod. Nur noch zwei bis drei Jahre werden ihm gegeben. Einer der Ersten, den Guttenberg einweiht, ist der spätere Bundeskanzler.

Auf Anraten seiner Ärzte sagt der 48-Jährige im Juni 1969 die geplanten Wahlkampfveranstaltung in seinem Wahlkreis Kulmbach ab und zieht sich auf Schloss Guttenberg zurück. Unbemerkt von der Öffentlichkeit besucht ihn Helmut Schmidt an seinem Krankenlager. Guttenbergs Mutter, Elisabeth, hält 1990 in ihren Erinnerungen "Beim Namen gerufen" fest: "Einer seiner häufigsten Gäste war der damalige Verteidigungsminister Helmut Schmidt. Er kam aus Freundschaft, zum Trost, zur Freude, feinfühlend, mitfühlend. Oft brachte er eine ausgewählte Schallplatte mit, meist Bach. Es war erstaunlich, wie sich diese beiden Männer, die politisch noch immer auf sehr verschiedenem Boden standen, menschlich nahegekommen waren."

Guttenbergs Alt-Bürgermeister Karl Wenzel-Teuber, der die Vorgänge im Schluss wie kein anderer miterlebt hat, weiß, dass es Schmidt war, der ihn als Letzter am Totenbett besucht hat.

Bewegende Trauerrede

Vier Tage nach seinem Tod findet am 8. Oktober 1972 das Requiem auf Schloss Guttenberg statt. Der Innenhof ist mit 700 Sitzplätzen für die geladenen Gäste bestuhlt, Tausende drängen sich in der Schlossallee und folgen der Lautsprecherübertragung, der Ort selber und die Zufahrten sind mit 2000 geparkten Fahrzeugen verstopft.

Die politische Prominenz der Bundesrepublik ist nahezu komplett angereist oder per Hubschrauber eingeflogen: Alt-Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger, CDU-Chef und Kanzlerkandidat Rainer Barzel, CSU-Chef Franz Josef Strauß, SPD-Fraktionsführer Herbert Wehner, um nur einige wenige zu nennen.

Der Bamberger Erzbischof Josef Schneider zelebriert die heilige Messe. Strauß spricht am Sarg, auch Reiner Barzel, doch die ergreifendsten Abschiedsworte findet Helmut Schmidt. Es ist eine ganz persönliche Trauerrede, in der Religiöses seinen Platz findet.

"Ein völlig befreiter Mensch"

Er spricht von der Tapferkeit, mit der Guttenberg Jahre und Monate, Tage und Nächte dem Tode entgegengegangen ist, und seiner Gelassenheit in Gott. Schmidt gesteht, von der knappen, alles Unwesentliche beiseitelassenden Präzision der Sprache und der Gedanken des Sterbenden tief berührt worden zu sein: "Er war ein völlig befreiter Mensch".