K aum eine Gaststätte, kaum ein Wintergarten ohne Zimmerlinden! Die samthaarigen Blätter und die zarten Blüten in der Winterzeit mit ihren farbenprächtigen Staubblättern machten die Zimmerlinde zur beliebten Topfpflanze. Zu einer der verbreitetsten überhaupt. Der Weltreisende Anders Sparrman hatte dem großen schwedischen Botaniker Carl von Linné aus Südafrika 1776 das ungewöhnliche Malvengewächs mitgebracht. Bald sollte es sich großer Beliebtheit erfreuen. Ein Jahrhundert lang boomte die dekorative Zimmerlinde - dann wurde es in den Wohnzimmern wärmer. Und die Topfpflanze mit den großen herzförmigen Blättern, gärtnerisch gesehen ein Kalthausgewächs, war Ende der 1960er Jahre endgültig aus der Mode.

Ja, die Mode, die Moden. Jahrelang als Beamtengras oder Staubfänger geschmäht, erleben Grünlilie und Schusterpalme eine wundersame Wiederkehr. Gestern noch altmodisch und Spießersymbol, sind Monstera, Sansevieria und Aspidistra plötzlich hip und schick. Und Bogenhanf und Fensterblatt zieren Lounges, Boutiquehotel-Lobbys und die heimischen Wohnzimmer. Jahrzehntelang im Topf vor sich hin kümmernd, falsch oder gar nicht gepflegt und von Plastikkollegen manchmal kaum zu unterscheiden, sind die Zimmerpflanzen wieder da: in bizarrer, manchmal schon dschungelartiger Pracht. Selbst die Zimmerlinde ist wieder interessant.

Zu dunkel und zu kalt für die Exoten

"Viele Zimmerpflanzen kommen uns vor wie alte Bekannte, als hätte es sie schon immer hier gegeben", sagt Botaniker Dr. Andreas Gröger. Dabei seien die meisten erst im 19. Jahrhundert aus entlegenen Regionen der Tropen nach Europa importiert worden. Die exotischen Pflänzchen hätten in den hiesigen Wohnungen zuvor auch wenig Freude gehabt: kleine Butzenscheiben, kaum Licht, zu starke Temperaturschwankungen. "Da gab´s kaum eine Chance, eine Pflanze über den Winter zu bringen", sagt der Oberkonservator des Botanischen Gartens in München. Ein paar Schnittblumen vielleicht im Sommer, aber sonst: "Bis ins 18. Jahrhundert waren die Zimmer unbegrünt."

Andreas Gröger weiß über Gummibaum und Zyperngras, über Luftnelke und Kranzschlinge viel zu erzählen. Er hat die Geschichte der Zimmerpflanzen erforscht und zeigt in einer Ausstellung für den Botanischen Garten München, wie die ersten Zimmerpflanzen vor 200 Jahren mit dem Schiff nach Europa gelangten. Wie sie sich hier zum Statussymbol entwickelten und das Bürgertum der Biedermeier- und Gründerzeit Palmen und Farne in seinen Salons zur Schau stellte wie Gemälde oder Bücher. Und wie die Massenproduktion schließlich graubraunblättrige Sukkulenten und Gummibäume zum Wegwerfprodukt machte.

Gröger, der wissenschaftlich das gesamte Freiland in München-Nymphenburg sowie den Alpengarten in Schachen betreut und zu Hause in seiner kleinen Wohnung seit Jahrzehnten einen Hibiskus und ein Zitronenbäumchen stehen hat, wollte irgendwann wissen: Woher kommen die eigentlich, die Zimmerpflanzen? Seit wann gibt es sie? Wie wurden Strahlenaralie und Yuccapalme zum Mitbewohner, wie die Birkenfeige zum Büroklassiker in Hydrokultur?

Gesammelt und mitgebracht

Sehr viele der ersten Tropen- und Subtropenpflanzen, die es in die mitteleuropäischen Zimmer schafften, kamen aus Südafrika, sagt der Botaniker. "Die Holländer brachten den Geldbaum mit. Die zäheren Pflanzen eben, die hart im Nehmen sind." Und die die lange stürmische Schiffsreise überlebten. Der Geldbaum war leicht zu vermehren: "Wenn da ein Blatt abfällt, steckt man es in sandige Erde. Das wächst!"

Wo man Pflanzen nicht über Stecklinge vermehren konnte, wurde es schon schwierig: "Einen Sämling hochzubekommen, das erfordert mehr", sagt Gröger. Als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Fenster größer wurden, die Zimmer heller und mit den ersten Rohrheizungen dann auch wärmer, da wurden die fremden Pflanzen - auf Gedeih und Vermehrung - zum Prestigeobjekt.

Vorher waren die grünen Exoten dem gut betuchten Adel vorenthalten, der seine Zitrusbäumchen, Rosmarinsträucher und bunten Pelargonien in Orangerien zur Schau stellte. Anderswo hielt sich "höchstens mal ein Myrtensträußchen auf dem Fensterbrett", sagt Gröger.

Vielleicht ist der mediterrane Myrtenbaum, eine Hochzeitsblume, die älteste deutsche  Zimmerpflanze überhaupt. Sie stand im 18. Jahrhundert in jedem Haushalt, weil die jungen Ehefrauen einen Ableger ihres Brautkranzes in einen Topf pflanzten für beständiges Eheglück. Später kam die Kamelie aus China dazu, dann die aus Südafrika stammende Clivie. Schließlich stand am Fensterbrett ein monströs wucherndes Pflanzen-Potpourri: Alpenveilchen, Christusdorn und Grünlilie, Grünspargel und Dieffenbachia mit ihren grün-weiß gesprenkelten oder marmorierten Blättern. Und über allem rankten die Girlanden der Efeutute.

"Da ist viel gezüchtet worden", sagt Andreas Gröger. Die Pflanzen wurden robuster, passten sich an Zimmerbedingungen an. Und manche verschwanden wieder. Wie die Farne, die im 19. Jahrhundert so beliebt waren. In dicht möblierten, vollgestopften Wohnräumen prangten riesige Exemplare der uralten botanischen Pflanze auf Etageren neben den Sofas. Daneben wedelten ausladende Palmen.

Von der Rarität zur Massenware

Die Yuccapalme, im 17. Jahrhundert noch kostbare Rarität in Gewächshäusern, stand nun im großbürgerlichen Wohnzimmer. Die Kamelie, anfangs eine Rarität, wurde Massenware und als exklusive Diva und ausgefallenes Zimmergrün von der Orchidee abgelöst. Große Züchtereien aus London oder Brüssel schickten im 19. Jahrhundert Pflanzenjäger auf Reisen. Die durchstreiften die Kontinente auf der Suche nach exotischen Blüten und Blättern. Möglichst bunt sollten sie sein, aber eben auch robust und leicht vermehrbar. Wie das Einblatt, auch Kleine Blattfahne genannt, das der Deutsche Gustav Wallis seinen Auftraggebern aus Südamerika mitbrachte und das heute an vielen Fenstern steht. Und das Usambaraveilchen wurde in Deutsch-Ostafrika, dem heutigen Tansania, von einem kaiserlichen Bezirkshauptmann entdeckt und vermehrte sich als "African Violet" rasant über den ganzen Globus.

Es kamen der Erste Weltkrieg und die Weimarer Republik mit ihrer Bauhaus-Sachlichkeit. Die einen litten Hunger und Not, die anderen wollten Funktionalität und schmissen verspieltes Ziergrün und üppigen Pflanzenschmuck aus der Wohnung. Allenfalls eine streng gewachsene Sukkulente durfte noch in den nüchternen Raum. "Die 1920er und 30er Jahre sind so etwas wie die Tiefzeit der Zimmerpflanzen", sagt Andreas Gröger.

Gummibäume machen sich breit

Grün und grüner wurde es in den Wohnräumen erst wieder in der Nachkriegszeit und den Wirtschaftswunderjahren. Die Pflanzen kehrten zurück, umso heftiger. Technisierte Anbaumethoden ermöglichten inzwischen die Produktion im großen Stil zum kleinen Preis. Gummibäume machen sich breit, auch Monstera deliciosa durfte mit ihren riesigen Blättern wieder ans Sofa. Die 1970er hatten Flaschengärten und Pflanzenampeln, die 1980er die Hydrokultur, in den 1990ern kamen temperierte Wintergärten in Mode.

Und heute? "Blattschmuckpflanzen waren ganz verschwunden, die kommen wieder", sagt Gröger. Und: "Jeder hat gerne Zimmergrün, darauf will keiner mehr verzichten." Selbst die Zimmerlinde, die es kühler mag, sieht man wieder. Für manche der stillen Mitbewohner wie die Gloxinie müsse man zwar einen kleinen grünen Daumen haben. Aber ansonsten gilt vor allem eines: "Die meisten Zimmerpflanzen sterben an zu viel Pflege statt an zu wenig!" Auf keinen Fall übergießen, sagt der Oberkustos des Botanischen Gartens in München.

Also bloß kein Wasser im Übertopf. Lieber mal ein paar Tag zu trocken - "das verzeiht die Pflanze".