Klaus-Peter Gäbelein

Zu Silvester vor 100 Jahren blickten die Menschen in Herzogenaurach und der Umgebung vermutlich nicht besonders fröhlich auf die vergangenen zwölf Monate zurück. Mit dem Kriegsjahr 1916 ging ein schlimmes Jahr zu Ende. Das im Sommer 1914 propagierte rasche Ende des Krieges war in weite Ferne gerückt. Seit Februar 1916 waren allein bei den Kämpfen um Verdun rund 700 000 deutsche und französische Soldaten gefallen. Überall in Europa hungerten und froren die Menschen.
Eine unvorhersehbare Klimaverschlechterung hatte überall auf dem Kontinent seit dem 16. Juni 2016 extreme Regenfälle gebracht. Bereits der März und April waren die kältesten Monate seit 1764. In den Alpenregionen lag die Schneefallgrenze im Sommer bisweilen bei 500 Metern. Katastrophale Missernten kündigten sich an. Seit Februar stagnierte im deutschen Reich die Versorgung mit Frischfleisch, weil man seit Kriegsbeginn 1914 fast ziellos Rinder und Schweine geschlachtet hatte. Aber nicht nur an Fleisch mangelte es. Zum Jahresende 1916 standen jedem Deutschen nur noch 50 Gramm Butter und 30 Gramm Margarine pro Woche zu.


Frauen mussten helfen

Zur Lebensmittelkrise kam 1916 eine Kohle- und Transportkrise. Zum einen waren viele Bergarbeiter im Kriegseinsatz, zum anderen konzentrierten sich immer mehr Eisenbahntransporte auf die Versorgung mit Waffen und Munition an die Kriegsschauplätze. Außerdem litt die deutsche Wirtschaft unter erheblichem Mangel an Arbeitskräften und so mussten immer mehr Frauen in der Industrie, vor allem in der Rüstungsindustrie, aushelfen. Es war ein Teufelskreis.
Da Herzogenaurach und der Altlandkreis Höchstadt zum Regierungsbezirk Oberfranken gehörten, wurden alle Anordnungen aus München im "Königlich bayerischen Kreis-Amtsblatt von Oberfranken" veröffentlicht. Im Archiv des Heimatvereins sind die einzelnen Anordnungen nachzulesen.
Es ist erstaunlich, was im Rahmen der Kriegswirtschaft vorgeschrieben und rationiert wurde. So wurden "Fahrradschläuche (montiert oder unmontiert) im Januar 1916 beschlagnahmt", des weiteren mussten Schafwolle und alle Haare von Ziegen, Kälbern, Rindern und Pferden abgegeben werden. Verantwortlich für diese Anordnung unter dem Begriff "Spinnverbot", unter der unter anderem die Herzogenauracher Tuchwarenfabrik "Wirth und Söhne" zu leiden hatte, war die "Kriegs-Rohstoff-Abteilung" in Berlin.
Fast alles wurde rationiert und behördlich kontrolliert oder angeordnet. Infolge des Fleischmangels wurden die "Schonvorschriften" (Schonzeiten und Mindestmaße) für Süßwasserfische wie Hechte, Karpfen, Forellen oder Schleien aufgehoben. Kraftfahrzeuge mussten zur Prüfung der "Feldtauglichkeit" vorgefahren werden. In Herzogenaurach gab es immerhin einen privaten Pkw, den des Landarztes.
Fast alle Bürger traf der Mangel an Brotgetreide. Die gesamte Ernährung musste umgestellt werden. In den Vordergrund rückte die Steckrübe, wie sie im offiziellen Sprachgebrauch hieß. Heute ist diese Rübenart, in der Region als "Dorsche" bezeichnet, vom Speisezettel fast verschwunden. Aber noch während des Zweiten Weltkriegs und in den schlechten Jahren nach 1945 kam sie zum Beispiel mit Salzfleisch (soweit vorhanden) auf den Tisch.


"Dorschn" als Brotersatz

Als "Runkelrübe" oder "Kohlrübe" findet man die "Dorsche" im ostfränkischen Wörterbuch. Gelegentlich kommt der Begriff "du Dorschn" auch als abfällige Bezeichnung bei Streitgesprächen über die Lippen. Peter Bucher, Senior-Landwirt aus Hammerbach, erinnert sich noch daran, "wie wir sie als Kinner vom Acker wegg'schält und gess'n haben, wenn mir hungri woärn". Und er ergänzt: "Ich hab noch Samen im Keller, den werde ich im Frühjahr wieder aussäen." Weil die Rüben einen hohen Wassergehalt besitzen und die Blase aktivieren, sprach man landläufig auch von den "Brunsrubn".
Es ist heute kaum vorstellbar, wofür diese unscheinbaren Rüben während des Krieges als Ersatz eingesetzt worden sind: Geröstet und gemahlen dienten sie als Kaffeeersatz, gebacken gab es sie anstelle von Brot; man aß sie als Brei oder als Gemüseeintopf, versetzt mit Sirup aus Zuckerrüben oder "Rangersen" (eine größere, süßliche Rübenart, die meist als Viehfutter diente) wurde sie als Süßspeise serviert. In erster Linie aber waren diese Rüben Kartoffelersatz. Übrigens kommen Steckrüben heute wieder in der veganen Küche verstärkt zum Einsatz.
Und was wurde im Kriegsjahr 1916 nicht alles rationiert oder angeordnet. Die Schuster erhielten nur noch 1,8 Kilogramm Leder für Schuhreparaturen, Brauereien und Mälzereien wurden zur "sparsamen Bewirtschaftung" aufgefordert. Für den Biertrinker bedeutete das: Es gab - wenn überhaupt - fast nur noch Dünnbier.
Hausfrauen und Kinder waren aufgerufen, im Herbst Beeren zu sammeln: Hagebutten und Schlehen waren am gefragtesten. Die abgegebenen Früchte sollten vor allem Verwundeten in Lazaretten zugute kommen, und zwar von der "Kriegseinkochstelle" in Bayreuth aus. Die Anordnung, winterharte Äpfel noch hängen zu lassen, wurde dagegen nur selten befolgt.
Kopfschütteln verursacht heute die Anordnung vom Juli 1916, wonach die Schuljugend aufgefordert wurde, die Kerne von Kirschen, Zwetschgen und Pflaumen zu sammeln und an eigens eingerichteten Sammelstellen abzugeben. Wozu das Ganze, wird man fragen? In einem Merkblatt vom 1. Juli 1916 ist zu lesen: "Aus 1000 Kilogramm Kernen lassen sich ... 50 Kilogramm Fett gewinnen ... Jeder Kern ist wichtig, jeder sammle!" und weiter heißt es: "Gewerbetreibende, Hausfrauen, Lehrer und Kinder und auch alle Einzelnstehenden sind berufen, die Obstkernsammlung im Interesse unserer Versorgung mit Fett zu fördern."


Anleihen von Schulkindern

Immer wieder sollten auch in den Schulen Kriegsanleihen gezeichnet werden. Die Schulkinder wurden aufgefordert, ihre wenigen Pfennige für die Kriegswirtschaft abzugeben. Die Regierung versprach, dass die Spareinlagen spätestens nach zwei Jahren verzinst zurückbezahlt würden.
Im April 1916 wurden auf Anordnung des "Königlichen Staatsministeriums des Innern für Kirchen- und Schulangelegenheiten" wegen des bestehenden Papiermangels alle Bürger und Angestellte in Büros aufgefordert, "größte Sparsamkeit in Bezug auf den Papierverbrauch" walten zu lassen. Für Vorlagen, Verfügungen und amtliche Mitteilungen sollte ein halber Bogen Papier genügen und die Schreiben sollten möglichst kurz gehalten werden. Bei Antwortschreiben sollten auch die Rückseiten verwendet werden.
Was die Schulen betraf, so wurde wieder verstärkt auf Schiefertafeln zurückgegriffen, schriftliche Übungen wurden durch mündliche ersetzt und angefangene Schulhefte mussten im nächsten Schuljahr fortgeführt werden.
Trotz aller Spendenaufrufe und Opferbereitschaft erlebten die Menschen einen harten, entbehrungsreicher Winter 1916/17, bevor der Krieg mit der Niederlage im November 1918 endete.