Wie sich die Bilder gleichen, zumindest ähneln: Im November 1965 standen just an der Stelle, wo heute die Kulmbacher zum Corona-Schnelltest anstehen, täglich Hunderte in der Schlange, um ihre Pocken-Impfung auffrischen zu lassen.

Zum Schock für die ganze Stadt waren am 29. Oktober 1965 die Schwarzen Pocken ausgebrochen. Innerhalb von drei Wochen ließen sich 27 349 Personen aus Kulmbach und dem Landkreis gegen den Erreger boostern.

Die Hauptarbeit lag bei dem Leiter des staatlichen Gesundheitsamtes, Dr. Paul Freidank, der mit einigen weiteren Ärzten und Helfern des Roten Kreuzes rund um die Uhr im Einsatz war, um den Massenansturm zu bewältigen.

Die Kulmbacher stellten sich damals freiwillig an und folgten den eindringlichen Appellen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Gesundheitsbehörden.

Pocken-Impfung war bis 1976 Pflicht

Beim Ausbruch der Seuche in Kulmbach 1965 war die Pockenimpfung in der Bundesrepublik noch Pflicht. Erst 1976 wurde sie in einigen Bundesländern aufgehoben, 1983 endgültig abgeschafft.

Ob die Regelung gegen Persönlichkeitsrechte verstieß, war in Westdeutschland umstritten. Doch 1959 urteilte das angerufene Bundesverwaltungsgericht, dass die Impfpflicht mit dem Grundgesetz vereinbar sei.

Die DDR beschritt nach dem Zweiten Weltkrieg einen weit radikaleren Weg: Ab 1953 war die Impfung gegen Pocken und Tuberkulose verpflichtend, wenig später kamen Kinderlähmung, Diphtherie, Wundstarrkrampf, Keuchhusten und schließlich 1970 noch Masernimpfungen hinzu.

Bei Verweigerung musste man mit einschneidenden Konsequenzen rechnen: Kinderbetreuungseinrichtungen waren tabu, die Jugendlichen wurden nicht zum Studium zugelassen, und bestimmte Berufe waren vom Impfstatus abhängig.

Die Erstimpfung gegen Pocken, die im ersten Lebensalter erfolgte, war rein äußerlich deutlich eingreifender als der harmlose Piks bei der heutigen Covid-Impfung: Der Oberarm wurde von vier kleinen Spitzen geritzt, die eine lebenslange Narbenbildung hinterließen.

Auch wenn durch die Pockenschutzimpfungen im 20. Jahrhundert das Virus weltweit zurückgedrängt wurde, mit einer hohen Immunisierungswirkung für den Einzelnen - auszuschließen war eine Infektion nicht.

Kulmbacher erkrankt trotz Impfung

Die zeigt gerade der Fall des Kulmbacher Ingenieurs Johann Krieger: Der 47-Jährige, der bei dem Landmaschinen-Hersteller Ziemann arbeitete und sich wiederholt in Entwicklungsländern aufhielt, steckte sich in Tansania an - und dies, obwohl er sich vor Antritt seiner Dienstreise nochmals gegen Pocken hatte impfen lassen.

Kurz nach seiner Rückkehr nach Kulmbach traten dann die ersten Zeichen einer Erkrankung auf: hohes Fieber, Gliederschmerzen und Durchfall. Wenig später wurden die Symptome auch bei einem seiner Arbeitskollegen festgestellt.

Die Behörden reagierten unglaublich rasch und effektiv. Die Infizierten und ihre engsten Angehörigen wurden im Kulmbacher Krankenhaus in einem Hochsicherheitstrakt isoliert, 84 weitere Kontaktpersonen in der Kulmbacher Berufsschule in Quarantäne genommen. Die Stadt ging für 21 Mitbürger in einen Lockdown, der große Teile des öffentlichen Lebens lahmlegte.

Dass der Pockenausbruch in Kulmbach letztlich so glimpflich ausging, ist gewiss auch der Disziplin der Bevölkerung zu verdanken und ihrer hohen Impfbereitschaft.