Für ihn war es ein Notfall: Zweimal wählte ein 21-jähriger Arbeiter aus der Werkstatt für Behinderte in Himmelkron die Notrufnummer der Polizei. Weil sich nichts tat, gab er beim zweiten Mal vor, im Besitz einer Schusswaffe zu sein. Wirklich bestrafen wollte das Gericht den unter Betreuung stehenden Mann dafür nicht. Ein Gutachten sagte aus, dass seine Schuldfähigkeit aufgrund eingeschränkter Wahrnehmungsstörungen eingeschränkt ist.

Trotzdem war der junge Mann wegen des zweifachen Missbrauchs von Notrufen und des Vortäuschens einer Straftat angeklagt - und so fand das Gericht eine salomonische Lösung: Es stellte das Verfahren kurzerhand gegen die eher symbolische Zahlung von 100 Euro ein.

Mit Hilfe der anwesenden Eltern und des Verteidigers Ralph Pittroff konnte die Sache schnell aufgeklärt werden.

Allein an der

Man traf sich an der Kulmbacher Kieswäsch' zu einem Bierchen und wollte anschließend den Onkel des Mannes in Mainleus besuchen. Die Eltern waren schon mal vorgegangen, der Angeklagte wollte nachkommen. Doch der hatte ganz plötzlich vergessen, wo der Onkel eigentlich wohnt. Sein Handy funktionierte nicht mehr, weil es ein Prepaid-Modell war. Die einzige Nummer, die der Angeklagte noch wählen konnte, war die Notrufnummer der Polizei.

Die wählte er dann auch. Doch anstatt seine Situation zu schildern, forderte er an jenem Sonntagnachmittag im Juni 2020 einen Transport, wie auch immer sich der Angeklagte den vorstellte. Nachdem die Polizei dem nicht nachkam, rief er 15 Minuten später noch einmal an. Diesmal wurde der Angeklagte deutlicher. Er habe eine Schusswaffe dabei, sagte er. Da wurden die Beamten hellhörig, ermittelten Nummer und Standort und sahen nach dem Rechten. "Die Polizei hat andere Aufgaben als Leuten ihren Heimweg zu zeigen", sagte der für Jugendsachen zuständige Amtsgerichtsdirektor Christoph Berner und machte damit deutlich, dass es sich zweifelsfrei um eine Straftat handelte. Schließlich sei das Ganze ja keine Notsituation gewesen, so Berner.

Für den Angeklagten dagegen schon, wie die Eltern deutlich machten. Ihr Sohn habe nicht gewusst, wie er sie erreichen könne, er sei danach total verängstigt, aufgewühlt und aufgelöst gewesen. Er hatte sich im Eifer des Gefechts sogar noch an einer Bierdose so sehr verletzt, dass er im Klinikum behandelt werden musste.

Nur eingeschränkt schuldfähig

Er habe schon Zweifel daran, dass der Angeklagte seine Handlungen wirklich überdenken konnte, so Stefan Fürst von der Jugendgerichtshilfe. Der junge Mann sei auf Hilfestellungen angewiesen und sei sich der Tragweite seines Tuns nicht bewusst gewesen. Ein Gutachten des Bezirkskrankenhauses bescheinigte dem Angeklagten zwar eine eingeschränkte, aber keine aufgehobene Schuldfähigkeit.

Die Geschichte sei unglücksselig in jeder Hinsicht, sagte Richter Berner. Aber irgendeine Konsequenz müsse die Sache schon haben, so die Vertreterin der Staatsanwaltschaft mit Blick auf das Erwähnen einer Schusswaffe. Um dem Angeklagten jenseits aller Worte noch etwas mitzugeben, einigten sich alle Beteiligten darauf, das Verfahren einzustellen. Die 100 Euro entsprechen in etwa einem Monatslohn, den der Angeklagte in der Werkstatt für Behinderte neben seinen Hartz-IV-Leistungen bekommt.