Am 13. Februar 1686 hämmert einer um drei Uhr früh an die Klosterpforte von Marienweiher. Es gehe um sein Leben, erklärt er den im Schlaf aufgeschreckten Mönchen. Er werde von den Markgräflichen gejagt und bitte um Herberge. Zudem möchte er der evangelischen Religion abschwören und zum wahren Glauben zurückkehren. Bruno Scheffer, der Hausobere der Franziskanerpatres, gewährt ihm Einlass ins Hospiz.

Der Flüchtling, Christian Wilhelm Baron von Krohnemann, ist die schillerndste Figur der fränkischen Markgrafschaft: ein Windhund in Offiziersuniform, Abenteurer, galanter Frauenbetörer und angeblicher Goldmacher. Zehn Jahre hat er den Bayreuther Markgrafen Christian Ernst genarrt und ihn glauben gemacht, er könne das mit 2,4 Millionen Talern hoch verschuldete Fürstentum sanieren. Nach seiner Aufnahme am Hof 1677 gelingt dem Alchemisten ein kometenhafter Aufstieg: Er wird zum Geheimen Rat, Chef-Minister, Münz- und Bergbaudirektor ernannt. In Bayreuth und später auch in Frauenaurach erhält er für viel Geld Laboratorien eingerichtet.

Der Markgraf, der Monat um Monat auf das erste Gold wartet, wird immer neu vertröstet, während Krohnemann üppig tafelt und einen Stall mit zwölf Pferden unterhält. Kurz bevor Christian Ernst auszurasten droht, veranstaltet Krohnemann am Michaelistag 1678 ein effektvolles Experiment: Vor den Augen des Bayreuther Hofstaats vermischt er in seinen Tiegeln, Pfannen und Violen Grünspan, Quecksilber, Schwefel und Salz. Den Schmelzölen entsteigen gelbe Dämpfe. Plötzlich zaubert er aus der brodelnden Masse gelbrötlich schimmerndes Metall so groß wie eine Nuss hervor, das er den Ministern, Räten und Hofdamen unter die Nase hält. Gold! Eindeutig Gold! Doch alsbald stellt sich heraus, dass der Baron das Edelmetall vorher zusammengekauft hat.

Der Markgraf sieht Rot: Er verbannt Krohnemann auf die Plassenburg. Nachdem weitere alchemistische Experimente dort und im Roten Turm der Stadt scheitern, versucht dieser am 12. Februar 1686 bei Einbruch der Dunkelheit dem Verhängnis zu entkommen. Mit Hilfe einiger Gardisten und Mägde seilt er sich von seinem Gefangenengemach ab. Er schlägt sich durch den Buchwald über Fölschnitz und Kupferberg nach Marienweiher durch. Im bischöflichen Oberland, in der Obhut der Mönche, geschützt durch Kloster- und Gartenmauern, glaubt er sich vor seinen Häschern sicher und der markgräflichen Justiz entkommen zu sein.

240 Gulden Schmiergeld

Doch diesmal hat sich Krohnemann verspekuliert: Die benachbarten Landesherren, Fürstbischof Marquard Sebastian Schenk von Stauffenberg und Markgraf Christian Ernst, lassen sich - so spinnefeind sie sich sonst sind - nicht von einem Lügenbaron ausspielen. Anfängliche Bedenken des Bischofs hinsichtlich einer Auslieferung Krohnemanns werden durch eine Zahlung von 240 Gulden aus der Welt geräumt. Dann geht alles rasend schnell: Der Baron wird durch eine List des Kupferberger Oberamtmanns Ulrich von Waldenfels aus den Klostermauern gelockt und in Ketten gelegt. Ein paar Tage später wird er an der Konfessionsgrenze oberhalb von Untersteinach den Markgräflern übergeben und auf einem Ochsenkarren zurück auf die Plassenburg gebracht. In Kulmbach wird das Blut- und Banngericht einberufen. An Zeugen, die weitere Schandtaten vorbringen, mangelt es nicht: Er habe Silbergeräte aus der Schatzkammer der Plassenburg eingeschmolzen und sie als von ihm "extrahiertes Silber" ausgegeben. Er habe seinen Bediensteten befohlen, bei einem Kulmbacher Bürger einzubrechen und Gold und Münzen zu rauben.

Die ausgebremste Begnadigung

Am 19. April 1686 ergeht das Urteil: Tod am Strang. Bis zu seiner Hinrichtung wird der Delinquent in den Fronfestenturm gesperrt. Genau eine Woche später steht im Morgengrauen der Schinderkarren bereit. Über die holprigen Wege rumpelt er zum dreisäuligen Galgen auf der Höhe vor Melkendorf. In seinem roten Uniformrock, mit dem er zeitlebens viel Staat gemacht hat, steigt der 47-Jährige die Holzstufen empor. Immer zurückblickend, ob nicht doch noch ein reitender Bote aus Bayreuth mit seiner Begnadigung durch den Markgrafen einträfe. Die hat Christian Ernst auch ausgestellt. Doch zugleich hat er dem Boten hinter vorgehaltener Hand zu verstehen gegeben, er solle sein Pferd im Schonschritt nach Kulmbach gehen lassen. Als der Bote dann am Richtplatz eintrifft, ist das Blutgericht schon abgezogen. Der Baron baumelt am Galgen.