"Ganz freiwillig sind sie nicht dabei", sagt Andrea Zellmer über die Zielgruppe des Projekts, das sie zusammen mit Siegfried Simon von der Caritas leitet. "Die 15 Teilnehmer haben allesamt eine richterliche Auflage bekommen, an einer sozialen Trainingsmaßnahme teilzunehmen", erklärt Andrea Zellmer.
Der Caritasverband Lichtenfels unterhält das Projekt "Meilenstein", das unter dem Motto "Mein Leben neu steuern, Inspiration nutzen" mit Jugendlichen und Heranwachsenden im Alter von 14 bis 21 Jahren ein halbes Jahr lang die Probleme aufgreift, die die jungen Menschen auf die Anklagebank vor Gericht gebracht haben. Neu ist diesmal, dass die Caritas eine Kooperation mit dem Diakonischen Werk in Coburg eingegangen ist. Deren Verantwortliche, Patrick Zarske und Johanna Gerber, bestätigen, dass die Zusammenarbeit zwischen den beiden Institutionen sehr gut funktioniere und dass auch die Jugendlichen aus Lichtenfels und Coburg schnell zueinander gefunden hätten. Rasch sei eine homogene Gruppe entstanden.


Für Psyche und Physis

Während der Dauer der sozialen Trainingsmaßnahme üben sich die Jugendlichen und Heranwachsenden darin, Vertrauen zu bilden, Kompetenzen zu steigern, Selbstverantwortung zu übernehmen, sich zu motivieren und die persönliche und berufliche Entwicklung zu fördern. Bei gemeinsamen Wochenendveranstaltungen geht es dann auch körperlich zur Sache. Ausarbeiten ist angesagt. Bei der jüngsten dieser Art stand ein 90-minütiges Kick-Box-Training auf dem Programm. Als Trainer kümmert sich Bernd Grau, Gründer des Kampfsport-Teams-Lichtenfels, um die Jugendlichen und Heranwachsenden.
Mit dabei ist Sascha Rosenstock, der aus eigener Erfahrung richtig stellen kann, dass das Kick-Boxen keinesfalls mehr Aggressionen bewirke. Im Gegenteil. "Durch das Kick-Boxen habe ich gelernt, mit Stresssituationen ganz anders, viel lockerer umzugehen", betont der 22-Jährige und fügt hinzu: "Der Sport hat mir eine Gelassenheit verliehen, die ich davor nicht kannte." Er fühle sich auch lange nicht mehr so angegriffen wie vor fünf Jahren, als er mit dem Kampfsport begann. Siegfried Simon ergänzt, dass die Trainingsteilnehmer auch Disziplin lernten, um ihre Gefühle in den Griff zu bekommen und Impulse zu kontrollieren.


Disziplin ist wichtig

Bevor Bernd Grau "ernst macht", stehen erst einmal ausgiebige Dehn- und Lockerungsübungen auf dem Programm. "Dass tut ja schon beim Zuschauen weh", sagen einige Zuschauer. Mit der Disziplin nimmt es Bernd Grau sehr ernst. "Wer reden will, kann reden, aber dafür machen dann alle zehn Liegestützen", sagt er und setzt seine freundliche Ankündigung zur Überraschung mancher sofort in die Tat um. Anstandslos folgen die Jugendlichen seinen Anweisungen und tragen etwas zur eigenen Körperertüchtigung bei.
Am Ende zeigen sich alle mit dieser vielleicht etwas ungewöhnlichen sozialen Trainingsmaßnahme sehr zufrieden. Seitens der Verantwortlichen wird eine Wiederholung nicht ausgeschlossen. Das Projekt "Meilenstein" dürfe auf keinen Fall als eine Bestrafung der Jugendlichen angesehen werden, es sei eine Chance, betont Andrea Zellmer. So empfinden es wohl auch die Teilnehmer des Kick-Box-Trainings. Es kommt kein Widerspruch.