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Bad Kissingen
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Ach bleib mit Deiner Gnade...

I m Sommer dieses Jahres verstecken sich so manch' geschichtlich interessante Erinnerungstermine "hinter Corona": Vor genau 400 Jahren wurden unter Maximilian von Bayern die Aufstände der protestantis...
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Friedrich Bodo Bergk
Friedrich Bodo Bergk

I m Sommer dieses Jahres verstecken sich so manch' geschichtlich interessante Erinnerungstermine "hinter Corona": Vor genau 400 Jahren wurden unter Maximilian von Bayern die Aufstände der protestantischen "Rebellen" in Österreich niedergeschlagen. Die waren verbunden mit der Protestantischen Union, der auch Teile des Frankenlands, nämlich die Fürstentümer Ansbach und Kulmbach-Bayreuth angehörten. Obwohl da der Dreißigjährige Krieg noch 28 lange Jahre anhalten sollte, gab es durch den Ulmer Vertrag vom 31. Juli 1620 für die Kurpfalz inklusive unserer Anrainer-Regionen aus dem Fränkischen Ritterkreis die berechtigte Hoffnung auf vorzeitigen Frieden. In Böhmen aber wurde weitergekämpft wie bald auch wieder in weiten Teilen des Reiches.

Mitten in diesen Kriegswirren (irgendwann zwischen 1623 und 1627) dichtete der Stadthagener Oberpfarrer und Lehrer Josua Stegmann das noch heute recht viel gesungene Kirchenlied "Ach bleib mit Deiner Gnade bei uns, Herr Jesu Christ". Es gibt davon sogar eine ganz aktuelle jazzige Version von Till Brönner und Dieter Ilg auf ihrem Album "Nightfall" (2018): zum Gänsehaut-Kriegen!

In diesen Zeiten, wo uns teils das Singen und Besuchen verboten worden ist, was noch nicht einmal im Dreißigjährigen Krieg geschah, tut es mir gut, sich von solcher Musik an die Friedenssehnsucht so vieler Menschen erinnern zu lassen. Zumal es ja noch ein anderes erinnerungswürdiges Datum in diesen Tagen gibt: den Beginn des Ersten Weltkriegs am 1. August 1914!

Ich saß vor sechs Wochen im Wiener Hauptbahnhof und wartete auf meinen Zug, zurück nach Hanau. Ich hatte mich mit einem jungen Instrumentenbauer getroffen, der für mich ein altes Saxophon restaurierte.

Ich saß vor drei Wochen im Dörfchen Bullerbyn im schwedischen Småland und schaute den Kindern zu, die nach einem Sommergottesdienst draußen wie zu Zeiten Astrid Lindgrens herumtollten.

In Österreichs Hauptstadt konnte schon damals im Wartebereich - wie sowieso im Schweden-Dorf Bullerbyn an den draußen aufgestellten Tischen - mit Abstand aber ohne Gesichtsmaske kommuniziert werden. Ich sah Gesichter und manchmal lächelten sie mich an - und ich lächelte zurück!

Die Stadt Wien ist und bleibt für mich eine Musik-Hauptstadt der Welt, das Dorf Bullerbyn (Bullerbü) ein friedlicher Sehnsuchtsort aus Kindertagen, in denen ich die Bücher Astrid Lindgrens las, die mir meine Oma als Buchhändlerin aus der DDR zusandte.

Ich überlege, was wir solchen Orten wie Wien und Bullerbyn (Bullerbü) verdanken: Gnade, auch gnädige Lebens-Geschichte(n) - heißt Gnade nicht einfach "Geschenk des Lebens" in einer Geschichte, die das Leben vorantreibt, nicht aus Angst vor Krieg oder Seuchen, sondern aus dem Glauben heraus, dass Menschen vernünftig Gottes Friedenswillen umsetzen können?

Ich denke an die sieben bis acht Jahrzehnte nach dem Dreißigjährigen Krieg, in denen die Schweden und die Franzosen über das neu aufgeteilte Europa "wachten", an die Napoleonischen Kriege um die nächste Jahrhundertwende herum, die 1815 in Wien mit dem Wiener Kongress zu einer Neuordnung Europas und (indirekt) zur Ächtung des Sklavenhandels führten.

Und ach, denke ich, sollten wir nicht an allen Orten Gott mehr zutrauen, seine "Gnade walten zu lassen" - "dass uns hinfort nicht schade des bösen Feindes List"?

Friedrich Bodo Bergk,

evangelischer Pfarrer

in Wildflecken