Frei nach dem Lied "Tulpen aus Amsterdam" hatte der Sohn Gerhard diese Blumen bei seinem Geburtstagsbesuch mitgebracht. Und das in 90-facher Ausführung, denn Mutter Hildegund Müller feierte 90. Geburtstag.
Als erstes von vier Kindern kam Hildegund Weißl in Graz zur Welt. Dort besuchte sie die Volksschule, das Gymnasium. Ende der 40er Jahre unterrichtete sie als Lehrerin an einer Hauptschule die Fächer Deutsch, Englisch und Musik. Außerdem leitete Hildegund Weißl das Orchester und begleitete mit Cello und Klavier. Als einzige weibliche Leiterin eines Chores belegte die Jubilarin bei einem Wettbewerb in München den zweiten Platz . So kam sie auf knapp 70 Jahre als Chorleiterin, in denen sie über zehn Klangkörper geleitet hat.
1954 lernte sie den Vikar Bruno Wilhelm Müller bei einem Chorleiter-Lehrgang im bayerischen Reichartsbeuren kennen, den sie ein Jahr später heiratete. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor - zwei Mädchen und ein Sohn. Alle drei sind der Kunst zugeneigt. Die Jüngste ist bei einem Casting-Unternehmen, die Mittlere Sängerin und Schauspielerin und der Sohn ein bekannter Cellist in den Niederlanden. In der Folgezeit wurde die Familie noch durch acht Enkel vergrößert.
Kurz nach der Hochzeit trat der Mann der Jubilarin seine erste Pfarrstelle in Haunsheim an. Hildegund wurde in dieser Kirche freie Organistin, da Frauen von Pfarrern damals keine Arbeitsstelle annehmen durften. Wegen Lehrermangel bekam sie bald mit Sondergenehmigung eine Stelle als Lehrkraft. In den folgenden fünf Jahren wurde sie regelmäßig in Mühldorf am Inn als Cellistin engagiert. Ihr Mann Bruno wechselte von Pfarrer auf Religionslehrer um. 1969 zog die Familie nach Weidach und ihr Mann unterrichtete am Gymnasium Albertinum.


Musik ist ihre Leidenschaft

Hildegund Müller bekam 1971 ein Angebot beim "Colleqium Musicum" mitzuwirken. Sie empfahl dafür ihren Sohn. Die Jubilarin lehrte in der Luther- und später in der Pestalozzischule. Dort präsentierte sie über 14 Jahre lang Konzerte mit dem Schulchor, die ihr unvergessen geblieben sind. Inzwischen hatte man das Haus in Ahorn bezogen. Im Jahr 2013 starb ihr Mann.
Im Bachchor Coburg hat sie Hildegund über 38 Jahre mitgewirkt. Als letzten Chor leitete sie über 15 Jahre den "Siebenbürger Chor". Da sie nicht mehr so gut zu Fuß war, fanden die Proben acht Jahre lang in ihrem Haus statt; letztmals am 1. Mai 2017.
Der Bezug zu Österreich sei immer geblieben, stellt Hildegund Müller fest. Sie und ihr Mann gingen regelmäßig in die Berge zum Wandern und im Winter zum Skifahren. "Das war für uns die zweitgrößte Leidenschaft nach der Musik", sagt Hildegund.
An ihrem Geburtstag überbrachten Pfarrer Rolf Gorny im Namen der Kirche und für die Gemeinde Bürgermeister Martin Finzel (SPD) Segens- und Gesundheitswünsche. Finzel erinnerte sich an die vielen schönen Abende, als er mit dem Ehepaar Müller zu Sinfonie-Konzerten gefahren sei. "Wenn auch ihre Beine nicht mehr so wollen", so beeindruckte den Bürgermeister, "das große Interesse von Hildegund Müller am Tagesgeschehen ." ka