von unserem Mitarbeiter Markus Häggberg

Lichtenfels — Viele Minuten dauerte am Mittwoch im Amtsgericht die Verlesung der Anklage. Jeder einzelne Posten des Betruges musste von Staatsanwältin Susanne Heppel verlesen werden. Derer waren es 127 und es ging um Geld. In einem anderen Punkt ging es um Titel, welche die 77-jährige Rentnerin aus dem westlichen Landkreis nicht hatte. Als Gesprächstherapeutin, Gesprächspsychotherapeutin oder Heilpraktikerin wies sie sich ausgerechnet einer anerkannten Einrichtung gegenüber aus, die Opferhilfe betreibt und selbst auf einen Schwindel hereingefallen ist.
Hier 30 Euro, dort 500 Euro, dann wieder zehn Euro, hernach 650 Euro. Bis zu einer ermittelten Summe in Höhe von 17 020 Euro schädigte die Rentnerin eine Frau, für die sie eigentlich betreuende Fürsorge trug. Zwischen Januar 2009 und Juli 2010 hob sie vom Konto der mittlerweile verstorbenen Seniorin Gelder ab, um sie für sich zu verwenden. 127 Mal ging sie dafür an den Bankomaten. Schon die Höhe der Abhebungen brachte ihr somit die verschärfte Anklage gewerbsmäßiger Untreue ein.
Aber die Angeklagte entsprach so gar nicht dem Bild einer berechnenden Person. Als die Anklage verlesen war, atmete die unauffällige Frau durch und räumte in Absprache mit ihrem Verteidiger Albrecht Freiherr von Imhoff alle Vorwürfe vollauf ein. Damit waren für diesen "die Eckpunkte" für ein Verfahren gesetzt, das in aller Unaufgeregtheit vonstatten gehen sollte. Ihre Antworten gegenüber Richter Christoph Lehmann waren von Ruhe und Einsicht geprägt.
Im Grunde war es die Angeklagte selbst, die den gegen sich erwachsenden Verdacht forcierte. Einem Kriminalbeamten gegenüber, der sie zu Aussagen vorlud, wies sie sich schriftlich unaufgefordert als Therapeutin aus. Weil er nun etwas schwarz auf weiß hatte, fielen dem Kriminaler Ungereimtheiten in der Vita der Frau auf. Auch kamen ihm bei seinen Nachforschungen Zeitungsinterviews unter, bei denen sich die Frau als Diplom-Psychologin bezeichnete. Alles weit hergeholt. Jedenfalls legte die Frau solche Titelbescheinigungen auch zum Zwecke einer Mitarbeit einer Opferschutzorganisation vor, die ihr für mehrere Sitzungen mit traumatisierten Kriminalitätsopfern auch jeweilige Honorare erstattete. Auf insgesamt 3300 Euro an unverdienten Einkünften kam die Frau in den Jahren 2011 und 2012 somit und erfüllte den Betrugstatbestand.
Die Angeklagte selbst schien sich während des Verfahrens einerseits über ihren Titelmissbrauch im Klaren gewesen zu sein, andererseits war sie auch davon überzeugt gewesen, Opfern tatsächlich geholfen zu haben. Eine Kunst, die ihr das Gericht im Eigentlichen auch nicht absprach, da ihre Lebensumstände sie diesbezüglich Einsichten gewinnen ließen. So schilderte die Seniorin ein bewegtes Arbeitsleben, in dem sie noch zu einer Zeit, in der Titel um Psychologie ungeschützte Begriffe gewesen seien, ihre Schulungen aufnahm. Sogar mit dem legendären Pater Leppich, dem "Maschinengewehr Gottes" soll sie gearbeitet haben, zudem vier Jahre an einer Akademie und zwei Jahre an einer Heilpraktikerschule gelernt haben. Anfang der 80er-Jahre habe sie somit einen Abschluss besessen, der heute keine Gültigkeit mehr habe.Eine schwierige Lebensphase habe die Angeklagte während ihrer Vergehen durchgemacht, erklärte sie. Ein Umstand, der ihr von der Staatsanwältin für glaubwürdig abgenommen wurde. Auf zwei Jahre Haft mit Bewährung samt 2000 Euro Geldauflage plädierte sie und sollte von Lehmann nicht ganz bestätigt werden. Der erkannte auf ein Jahr und zehn Monate nebst 80 gemeinnützigen Arbeitsstunden für eine Einrichtung. Bei diesen aber wolle man sehen, ob ihre Beratungserfahrung nicht auch zum Zuge kommen könne.