Stephan Herbert Fuchs

Kulmbach —  Trotz einer ganzen Straftatenserie mit Diebstählen und Betrügereien und einem Gesamtschaden von rund 350 Euro hat das Amtsgericht das Strafverfahren gegen eine 19-Jährige eingestellt. Die junge Frau muss allerdings 60 sogenannte Sozialstunden leisten. Hintergrund ist, dass die Angeklagte an einer psychischen Störung leidet und sich zu den Tatzeitpunkten im April und Mai dieses Jahres in einer extremen Ausnahmesituation befunden hat.

Die Frau hatte bei einem Drogeriemarkt im Bayreuther Rotmaincenter unter anderem eine Tasse, ein Kuscheltier, ein Spielgerät, Make-Up und zwei Lippenstifte im Gesamtwert von 165 Euro entwendet. Sie wurde beim Verlassen des Geschäftes von einem Ladendetektiv gestellt und musste noch vor Ort die Fangprämie in Höhe von 50 Euro aufbringen.

Bestellt und nicht bezahlt

Doch damit nicht genug. Obwohl die leidenschaftliche Reiterin damals gar kein Pferd mehr besaß, bestellte sie bei verschiedenen Verkäufern in ganz Deutschland jede Menge Reitutensilien, ohne je dafür die Rechnung zu bezahlen. Staatsanwältin Katharina Hecht zählte unter anderem eine Dressurschabracke für 33 Euro von einer Verkäuferin aus der Nähe von Straubing, eine weitere Dressurschabracke für 45 Euro aus Brandenburg und einen Pferdestriegel für 20 Euro aus Sachsen-Anhalt auf. Dazu kommen laut Anklage der Kauf von zwei Lederarmbändern aus Nordrhein-Westfalen und eines Armani-T-Shirts für 45 Euro aus München. Nicht eine Rechnung hatte die junge Frau beglichen, alle Geschädigten gingen deshalb zur Polizei und stellten Strafantrag.

Die Angeklagte räumte ohne Umschweife alles ein, sie habe das ungewollt gemacht, ohne darüber nachzudenken. Die Folgen habe sie einfach ausgeblendet. Erst bei der Polizei habe sie registriert, was sie angestellt hatte. "Ich habe die Sachen ja gar nicht gebraucht", sagte sie. Sie habe rein aus Verzweiflung gehandelt. "Ist ja auch sinnlos, Pferdesachen zu kaufen, wenn man gar keine Pferde hat", pflichtete ihr der für Jugendsachen zuständige Amtsgerichtsdirektor Christoph Berner bei.

Tatsächlich stellte sich heraus, dass die junge Frau aufgrund erheblicher Mobbing-Vorkommnisse mit gewalttätigen Übergriffen während ihrer Schulzeit an einer schweren Angststörung leidet und deshalb auch in Behandlung ist. Sogar von Suizidgedanken war schon die Rede.

Stefan Fürst von der Jugendgerichtshilfe des Kulmbacher Landratsamtes berichtete von einer Angststörung, von einer verzögerten sozialen Reife und von Entwicklungsauffälligkeiten aufgrund massiven Mobbings. Die Taten seien in einem Ausnahmezustand geschehen, von weiteren Straftaten sei aber nicht mehr auszugehen. Er schlug deshalb vor, die Angeklagte trotz ihrer Volljährigkeit als Heranwachsende im Sinne des Jugendstrafgesetzes zu behandeln und das Verfahren gegen eine Arbeitsauflage einzustellen.

Staatsanwältin Hecht und Richter Berner sahen das genauso und legten die Zahl der zu leistenden unentgeltlichen und gemeinnützigen Arbeitsstunden nach Weisung der Geschwister-Gummi-Stiftung auf 60 fest.