Obwohl das Museum geöffnet ist, liegen die beiden fensterlosen Ausstellungsräume im Dunkeln. Alfred Meissner sitzt im Büro und wartet auf Besucher. Manchmal kommt den ganzen Nachmittag niemand, aber am vergangenen Mittwoch kamen 17 Besucher. Dann öffnet Meissner die Tür zu den Räumen, macht Licht - und beginnt zu erzählen.

Der 81-Jährige ist aus dem Sudetenland. Eigentlich haben fast alle Menschen, die den Hinterhof am Paradeplatz aufsuchen und die Stiegen zum Braunauer Heimatmuseum hinaufsteigen, etwas mit dem Sudetenland zu tun. Oft sind es Ausgewanderte, die seit Generationen irgendwo auf der Welt leben und bei ihrem Besuch in Forchheim entdecken, dass es dieses Museum gibt, in dem das Leben ihrer Vorfahren dokumentiert wird. Oder es sind, wie Alfred Meissner, ehemalige Flüchtlinge und Vertriebene, die nach dem Krieg im Raum Forchheim gelandet sind. Und für die der Paradeplatz 2 eine zentrale Adresse ist, um ihre Erinnerung an die Braunauer Kultur wach zu halten.

Verschwinden wäre unvorstellbar


Für Alfred Meissner ist das Museum so eng mit seiner persönlichen Geschichte verbunden, dass er sich nicht vorstellen will, dass die hier versammelten Stücke einmal verschwinden könnten. Die Debatte um die mögliche Schließung des Museums hat er verfolgt. Der 81-Jährige ist froh, dass es Menschen wie Oberbürgermeister Franz Stumpf gebe, "die daran festhalten".

Lohnen im wörtlichen Sinn könne sich so ein Museum freilich nicht, sagt Meissner. Aber dann zeigt er das Gästebuch. Es wurde 1994 aufgelegt, seitdem haben sich 9663 Besucher eingetragen. "Letzthin war eine Familie hier, der Vater war Braunauer, sein Sohn lebt in Chile. Die haben sich ein paar Stunden lang alles angeschaut. Mit welcher Freude, da muss man staunen."

Auch in Meissners Erzählung schwingt Freude mit, wenn er davon erzählt wie es ihm gelang, nach dem ungewissen Leben im Sammellager und nach dem Transport im Viehwaggon über Prag in den Westen zu kommen. Erst nur bis Thüringen; bis er sich in den 50er Jahren nach einem Besuch seiner Tante in Forchheim aus der DDR absetzen konnte.

Ein gerettetes Bild


Alles, was Alfred Meissner zurückgelassen hat, als er 14-jährig aus seinem Heimatdorf Hermsdorf floh, findet er am Paradeplatz 2 wieder. Vitrinen zeigen die Werkzeuge, den Schmuck, die Gerichte und die Kleidung der Sudetendeutschen. Bilder zeigen die Landschaft, die Städte. "Alles, was die Alten mitgebracht haben", sagt Meissner. Er verschwindet kurz in einem Lagerraum und kommt mit einem Bild zurück. Es zeigt die Musikkapelle von Hermsdorf im Jahr 1931. "Da links, das ist mein Onkel, der im letzten Kriegsjahr in Italien gefallen ist. Da rechts, der Trompetenspieler, das ist mein Vater." Das Bild habe seine Mutter "gerettet" und mit auf die Flucht genommen. Nach dem Tod der Mutter überließ der Sohn das Bild dem Braunauer Heimatmuseum.

Auch Alfred Meissner hat einen Sohn. Mit ihm erlebt er, was viele der 700 Sudetendeutschen erleben, die nach dem Krieg nach Forchheim kamen: Das große Interesse an der Tradition verebbt. Heute leben noch 100 Sudetendeutsche in Forchheim. "Mein Sohn ist hier geboren", sagt Meissner, "natürlich fehlt ihm, wie vielen Kindern von Sudetendeutschen, der Bezug zur Heimat".

Leidenschaftliches Engagement der Alten


Umso leidenschaftlicher wirkt das Engagement der Alten. Dafür steht in Forchheim vor allem der Name von Alfred Schwanse. Der 81-Jährige hat die Städtepartnerschaft mit Braunau aufgebaut. "Was er macht, ist nicht mit Geld zu bezahlen", sagt Meissner. "Wenn er nicht mehr könnte, davor hat jeder Angst, dann wird es gefährlich."

Schwanse und Meissner kümmern sich auch um das Museum. Es ist jeden Mittwoch geöffnet. Meissner ist vormittags da, am Nachmittag Schwanse - oder umgekehrt. "Schwanse und ich machen das", sagt Meissner: "Solange es geht, werden wir das Museum am Leben erhalten".