von Bärbl Völkl

Einer, der dem 19. Jahrhundert maßgeblich neue künstlerische Form verlieh, kommt anlässlich seines 150. Geburtstages in diesem Jahr besonders zu Ehren. In mehreren Ausstellungen wurde heuer das Werk des großen Jugendstilkünstlers Henry van de Velde gewürdigt.

Die Stadt Weimar hat gleich das gesamte Jahr 2013 Henry van de Velde gewidmet. Was die wenigsten wissen: Dieses Allroundgenie - Maler,Architekt, Literat, Dozent, Baumeister, Möbelproduzent - war häufig Gast in Pretzfeld in der Fränkischen Schweiz. Hier fand er Inspiration, Aufträge, Freundschaft und nicht zuletzt Trost.

Um die Jahrhundertwende residierte auf dem verträumten Schloss Pretzfeld eine kunstsinnige Frau: Lina Herz (1848 bis 1934), Kaufmannstochter aus Nürnberg, lange in Mannheim lebend, die nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes nun den stattlichen Bau in Pretzfeld bewohnte. Ihr Vater hatte 1851 das Gebäude vom bayerischen Staat erworben. Großzügig sponserte die Bankierswitwe Künstler und soziale Einrichtungen. So ist der erste Kindergarten im Wiesent tal auf ihr Engagement zurückzuführen. Gern umgab sie sich mit Künstlerfreunden und deren Werken, sie besaß Bilder und Skulpturen von Liebermann, Gaul, Kolbe, Klimsch und natürlich Gemälde des bedeutenden Neoimpressionisten Curt Herrmann (1854 bis 1929).

Mit Letzterem war ihre Tochter Sophie verheiratet. Durch Sophie und Curt Herrmann kam van de Velde nach Pretzfeld. Unbedingt ist zu erwähnen, dass der impulsive Elan van de Veldes hinsichtlich der neuen Ideen und Schöpfungen im Kunstgewerbe gerade bei Curt Herrmann auf fruchtbaren Boden fiel und großen Einfluss auf dessen Stilrichtung nahm.

Fast 50 Briefe

Es existieren an die 50 Briefe, die belegen, wie herzlich und innig die Beziehung der Schlossbewohner mit dem jungen Belgier war. Die Herrmanns, deren Hauptwohnsitz in Berlin lag, Lina Herz und ihre Freunde förderten ab 1896 den Künstler. Sein Werk ordnet man heute dem Jugendstil zu, er selbst sah es so nie. Vielmehr war seine Intention, ein Gesamtkunstwerk zu schaffen, in dem jedes künstlerische Detail mit seinem Umfeld harmonierte. Er fertigte Haus- und Wohnungseinrichtungen nach raffiniert ausgeklügelten Plänen.

Dazu entwarf er Möbel, Tapeten, Stoffe, Teppiche, Kleidung, Porzellan. Das ging bis zum Besteck. Man kann sich vorstellen, wie viel Kunstinteresse er zu seiner Zeit hervorrief. Aus seinen Briefen ist zu sehen, wie sorgfältig und gewissenhaft der Meister seine Aufträge ausführte. Unzählige Anfragen und menschlich rührende Freundschaftsbekundungen belegen dies.

Der Zusammenbruch

Der Schicksalsfaden van de Veldes zieht sich durch die Korrespondenz. Trotz Unterstützung einflussreicher Freunde ist mehrfach von "moralischem und materiellem" Zusammenbruch die Rede. "Der lieben guten Mutter Herz" dankt er nach Pretzfeld, er fühle sich dort wie "in einer Schule des Glücks und Wohlergehens". Von einer Gans, von Likör und Süßigkeiten schreibt er ein andermal. Die Briefe sind sämtlich in Französisch, erst später auch in Deutsch verfasst. Da ist zu lesen: "Je länger ich dort (Pretzfeld) bin, entdecke ich neue, reizvolle Motive und Gefühle... Das Gefühl, hier gewissermaßen künstlerisch gefangen zu sein, schärft das Auge immer mehr für die intimen Reize, die ja schließlich unerschöpflich sind, wenn man eine Gegend liebt und mit dem Herzen bei der Arbeit ist."

Schränkchen im Museum

Heute existiert auf Schloss Pretzfeld ein kleines, aber feines Museum, das viele Jahre von Rektor Josef Seitz betreut wurde. Hier befanden sich, neben den farblich kraftvollen Bildern Herrmanns, ein Kreidebild mit Sicht auf den Schlosskomplex und ein Malerschränkchen für Curt Herrmann, von van de Velde gefertigt. Als Liebeserklärung an Pretzfeld und seine Menschen sind die Zeilen in einem Brief vom 4. Mai 1923 zu verstehen, eine Annäherung, die er mit Mitteln der darstellenden Kunst fortsetzte.

Es vermutet wohl niemand, dass der große Erneuerer und Impulsgeber einer ganzen Generation moderner Künstler in Pretzfeld weilte, doch nicht nur van de Velde und andere Künstler fühlten sich im Tal wohl, hier stand auch die Wiege des Microchips. Vor etwa 70 Jahren wurde in einem Trakt des Renaissance-Baus von der Firma Siemens der epochemachende Mikrochip entwickelt.

Wiederum ein halbes Jahrhundert zuvor läutete Curt Herrmann eine neue Kunstrichtung dort ein, den Neoimpressionismus. Einer der Maler schrieb: "Bei Lina Herz herrschte ein Niveau, auf dem man schon die Weltstadt unter sich fühlte." Meist Künstler aus Berlin und anderen Zentren, die die Fränkische Schweiz als "halbe Wildnis" gar beschrieben. Ein Mäzenatentum, ein fein geistiges Wirken wurde hier praktiziert, dem arge Barberei folgen sollte.

Gemälde und Möbel vernichtet

Nach der Kunst kam der Krieg, so wurden aus einem Nachbarort von Pretzfeld alte Menschen aus bescheidensten Verhältnissen wie Vieh abtransportiert. Nur weil sie Juden waren. HJ und SA-Männer vernichteten in der Reichskristallnacht Gemälde und Möbel des Schlosses. Bildersturm an idyllischem Ort, so könnte die Bilderverbrennung genannt werden. Und in bewegter Nachkriegszeit fanden an die 200 Flüchtlinge Unterkunft im Schlossbau.

Henry van de Velde entstammte einer gutbürgerlichen Antwerpener Familie, er studierte Malerei in Antwerpen und Paris. Neben den modernen Kunstrichtungen beschäftigte er sich auch mit der Avantgarde der französischen Literaturszene.

Er heiratete Maria S'ethe, deren Mutter die Mittel hatte, van de Velde stark zu unterstützen. Die Zeit seiner umfassenden Architektur brach an. Fünf eigene, ganz spezielle Häuser, mit seinem Design schuf er. Sein umfangreiches Schaffen wurde von Freunden, darunter den Pretzfeldern, sehr unterstützt.

Eine Konsolidierung in seinem Leben brachte erst die Berufung nach Weimar. Er schuf dort die Grundlage zum Bauhaus. Er erhielt später in Gent einen Lehrstuhl. 1947 verließ er Belgien und verbrachte seine letzten zehn Jahre in der Schweiz.

Einige der Ausstellungen laufen zurzeit in Jena, Weimar, Erfurt, Chemnitz, Apolda.