Ohne Rechtsbeistand sitzt der Angeklagte vor Amtsrichterin Silke Schneider und der Staatsanwaltschaft am Donnerstagmorgen. Die Anklage: gefährliche Körperverletzung in Tateinheit mit vorsätzlicher Körperverletzung und Hausfriedensbruch.

Konkret wird ihm vorgeworfen, den Lebensgefährten seiner Ex-Frau vor ihrem Haus, trotz Hausverbots, angegriffen zu haben. Mit mehreren Faustschlägen gegen Kopf und Rippen soll er ihn niedergeschlagen und am Boden liegend mit den Füßen getreten haben. Bei dem Versuch, den Angreifer vom Opfer wegzuziehen, soll er auch noch die Ex-Frau gestoßen haben, so dass sie sich Abschürfungen und Hämatome zuzog.

Der Selbstständige gesteht sofort zu Beginn der Verhandlung.
Allerdings bestreitet er, den Geschädigten getreten zu haben: "So etwas mache ich nicht! Ich habe ihn zwar mit der Faust ins Gesicht geschlagen und vielleicht auch in die Rippen geboxt, aber nicht getreten!"

Opfer war sein Angestellter

Er schildert die Vorgeschichte: Das Opfer sei bis vor kurzem noch sein Angestellter gewesen. Beide pflegten ein freundschaftliches Verhältnis, bis der Angeklagte bemerkte, dass seine Ehefrau, von der er mittlerweile geschieden ist, ein Verhältnis mit dem Attackierten hatte.

"Zum Zeitpunkt der Tat lebten wir bereits getrennt", schildert der Täter. Die Ehefrau erteilte ihm im Vorfeld Hausverbot. Als der ehemalige Angestellte auf der Terrasse über den Täter schlecht redete, rastete der aus, sprang über den Zaun und griff an. Der Täter bestreitet aber, die Ehefrau geschubst oder ihren Partner getreten zu haben. "Vielleicht ist sie gestolpert", versucht er zu erklären, woher die Verletzungen der Frau stammen könnten.

Richterin Schneider zeigt Angeklagtem und Staatsanwalt die Bilder des Tatorts: überall Blutflecken. "Sie müssen das Opfer stark verletzt haben", erläutert Schneider beim Betrachten, "und alle Zeugen haben bei der Vernehmung auf der Polizeiwache ausgesagt, dass Sie das Opfer getreten hätten".

Diverse Atteste von Fachärzten und Chirurgen bestätigen: Der Geschädigte erlitt durch die Tätlichkeit des Angeschuldigten Hämatome und Schwellungen im Gesicht und Prellmarken im Rippenbereich. Schneider möchte es genau wissen: "Können Sie ein Treten sicher ausschließen?" Nach kurzem Überlegen ist sich der Angeklagte unsicher und räumt, reumütig die Hände vor das Gesicht haltend, ein, dass es "durchaus möglich" gewesen sein könnte.

Die Richterin verzichtet

Auf die Befragung aller Zeugen verzichtet die Richterin, da sie dem Stiefsohn und der Ex-Frau ersparen möchte, dem Angeklagten vor Gericht gegenüberzusitzen. Nur das Opfer, das bereits vor der Verhandlung Schmerzensgeld in Höhe von 3000 Euro eingeklagt hatte, wird in den Zeugenstand gerufen. Der Zeuge sagt aus, mit drei Faustschlägen zu Fall gebracht worden zu sein. Danach trat der Angreifer dem Opfer mehrmals gegen Rippen und Kopf. "So wie es sich anfühlte, hatte er festeres Schuhwerk an."

Der Ex-Mann entschuldigte sich bereits mehrmals bei den Geschädigten. Auch jetzt sitzt er, die Händen vor das Gesicht haltend, da und bereut sichtlich. Sein Blick wandert oft zur Ex-Frau, die seit dem Verzicht auf die Vernehmung der restlichen Zeugen im Gerichtssaal Platz genommen hat.

"Es tut mir leid. Vielleicht können wir uns irgendwann vertragen", sind die letzten Worte des Angeklagten vor dem Urteil: sechs Monate auf Bewährung und 1000 Euro Schmerzensgeld für den Geschädigten. Da sich der Angeklagte entschuldigte und gestand, entschied die Richterin, dass die Mindeststrafe für gefährliche Körperverletzung und die Entschädigung des Opfers ein angemessenes Strafmaß sind.