60 Kommentare, drei Mails und über ein Dutzend Personen, die ihre Meinung zum Thema loswerden wollten: Mit dem Artikel "Die Rehe im Visier der Förster" hat der FT offensichtlich einen Volltreffer gelandet. Das Thema beschäftigt unsere Leser und die Besucher unserer Facebook-Seite. Mit dem im Bayerischen Waldgesetz festgeschriebenen Grundsatz "Wald vor Wild" erklärten sich bei unserer Facebook-Diskussion am Dienstag die wenigsten einverstanden und kritisierten vor allem die Methoden bei Staatsjagden.

Aber auch der hohe Freizeitdruck, der das Wild von der Flur in den Wald treibt, und die Aussagekraft von Verbissgutachten und Abschussplan wurden hinterfragt. Hohe Sachkenntnis und Sachlichkeit prägten einen Großteil des Beitrags. Trotzdem wurden die Argumente mit Leidenschaft ausgetauscht - und nach den anberaumten zwei Stunden war noch lange nicht Schluss. Nachfolgend sind ausgewählte Kommentare nachzulesen.


Ich hätte da mal eine Frage!

Warum werden Rehe eigentlich gefü ttert, wenn man den Bestand dann durch die Jagd wieder dezimieren muss?
(Eva-Maria Mayne, Facebook)


Theorie vs. Praxis

Förster fordern die Jäger bei Drückjagden auf Sauen explizit auf, Rehe zu schießen. Man nimmt den Eindruck mit, dass man sonst nicht mehr auf Saujagden eingeladen wird. (Anmerkung: Mein Mann und meine Söhne nehmen an Jagden teil.
(Chris Tine, Facebook)


Der Wald und der Klimawandel

Ich bin sowohl Jäger, Forstwirt und Waldbesitzer. Die stetige Beunruhigung in der Flur durch Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Jogger, Reiter, Wanderer, Hundebesitzer und Autofahrer drängt das (Reh-)Wild in die Wälder. Der Rehwildbestand hat in den letzten Jahren - begünstigt durch die Förderung von Mischwäldern und einer stärker in das Kronendach eingreifenden Forstwirtschaft - erheblich zugenommen. Viele Jäger haben verstanden, dass Rehe im Wald sehr große Schäden verursachen. Es gibt leider aber auch vereinzelt Jäger, die ihr eigenes Hobby und einen hohen Wildbestand über die Interessen der Allgemeinheit und der Waldbesitzer stellen und die Schäden des Wildes im Wald nicht sehen (wollen).

Erst wenn diejenigen Baumarten, die einer Klimaveränderung standhalten, von alleine - das heißt ohne Schutz - aufwachsen können, ist der Rehwildbestand in Ordnung. An diesem Punkt ist man leider nur in wenigen Landesteilen angekommen. Die Bayerischen Staatsforsten sind gehalten, den Forst im Interesse der Allgemeinheit so zu bewirtschaften, dass er über Jahrhunderte (!) bestehen kann. Dazu ist es nun einmal nötig, das Rehwild kurz zu halten. Wenn jemand Wild beobachten will, soll er entweder professionell durch den Wald pirschen und die Augen aufmachen oder in die Wildparks von Hundshaupten oder Tambach einen Besuch abstatten.
(Heinrich Freiherr von Pölnitz, Facebook/Mail)


Nur noch Abschussgemeinschaften

Um der Schwarzwild-Population habhaft zu werden, sind Drückjagden definitiv erforderlich. Im Staatsforst Auerberg sind dies aber hauptsächlich Drückjagden auf Rehwild. Freilich gerät bei dieser Gelegenheit dann auch Schwarzwild ins Visier - nicht umgekehrt, wie im FT vom Förster formuliert. Abschusspläne sind eigentlich nur willkürlich in den meisten Köpfen von Förstern und Jägern vorhanden und könnten daher von den Behörden ersatzlos gestrichen werden. Der Begriff Hegegemeinschaft entspricht heute leider einer Abschussgemeinschaft.
(Georg Kemmerth, Jagdpächter Reifenberg/Weilersbach, Mail)


Wald vor Wild

Warum lässt man dem Wild nicht seinen Teil? In einem bewirtschafteten Wald wo Altholz geerntet wird und Licht den Jungwuchs fördert, wächst so viel nach, dass es ökologisch und ökonomisch vertretbar ist.
(Jungjäger Hülsebeck, Facebook)


Für kürzere Jagdzeiten

Wir sind Waldbesitzer und beweisen, dass man seinen Wald auch anders umbauen kann. Wir verzichten völlig auf Bewegungsjagden, einzige Ausnahme sind reine Schwarzwildjagden (auch auf Füchse) bei Schnee. Bejagt werden die Rehböcke im Mai und dann erst wieder Ende Juli bis Anfang August. Mit dem weiblichen Rehwild fangen wir am 1. September an und sind bis allerspätestens Anfang Dezember fertig. Ziel ist, bis Mitte November mit dem Abschuss fertig zu sein. Ab Dezember fällt kein Schuss mehr auf Schalenwild (außer Schwarzwild), um Ruhe zu halten in der äsungsarmen Zeit. Und diese Ruhe wird bis Anfang Mai beibehalten. All unser Wild wird vom Ansitz oder Pirsch aus erlegt, vorher sauber angesprochen und sauber erlegt, da wir unser Wildbret als hochwertiges Nahrungsmittel an Privatkunden verkaufen wollen. Ich bin generell also eher für eine Verkürzung der Jagdzeiten und gegen Bewegungsjagden.
(Moritz Fehrer, Facebook)


Jagen ist kein Sport

Was ich von der Jagd halte? Ga r nichts! Jagd wird of tmals als Sport bezeichnet. Aber Jagd kann kein Sport sein. Denn bei einer Sportveranstaltung kennen beide Teams die Regeln! Wenn man aufhören würde, das Wild das ganze Jahr über zu füttern, dann würde es sicher auch nicht mehr zu so großen Beständen kommen.
(Peter Schneider, Facebook)


Wer stellt eigentlich den hohen Wildverbiss fest?

Komischerweise nimmt der Waldbestand in Bayern wie auch in Deutschland tagtäglich wieder zu - trotz des ach so hohen Wildverbisses. Wer gibt denn vor, dass der Wildverbiss zu hoch ist? Doch wohl die Forstbehörden, die einen entsprechenden Ertrag erwirtschaften wollen. Das aktuelle Verbissgutachten zeigt, dass eine deutliche Verbesserung eingetreten ist. Sicherlich muss Rehwild zum Schutz der Wälder zum Teil erlegt werden, jedoch nicht in dem Maß wie es der Forst fordert (Ausrottung). Dass Wald mit Wild funktioniert, zeigen aber immer mehr Reviere. Ich kenne einige, die durch Anlage von Wildäckern das Wild aus den Wäldern in die Fluren "zurückholen". Das ist sicherlich nicht das Allheilmittel, jedoch ein kleiner Tropfen.
("Uli", Facebook)


Der Auerberg als leuchtendes Beispiel

Der Ökologischen Jagdverein Bayern unterstützt ausdrücklich den Grundsatz "Wald vor Wild". Wir tun dies in dem Bewusstsein, uns dabei für ein ausgeglichenes Mensch-Tier-Natur-Verhältnis einzusetzen. Von einem ausgeglichenen Verhältnis kann man aber nicht sprechen, wenn im Wald wegen des hohen Verbisses nur noch Fichten und Kiefern nachwachsen können. Laubhölzer und die Tanne können sich in weiten Teilen Bayerns nicht natürlich verjüngen, das belegen die aktuellen Vegetationsgutachten.

Ausbaden müssen das zunächst die Waldbesitzer, die unter großen Kosten und Mühen Zäune bauen und Bäume "künstlich" pflanzen müssen. Langfristig bezahlen wir alle dafür, denn instabile Wälder können ihre Schutz- und Nutzfunktionen nicht erfüllen. Um so lobenswerter ist es, wenn der staatliche Forstbetrieb dafür sorgt, dass es in seinem Wirkungsbereich besser läuft. Gehen Sie mit offenen Augen am Auerberg spazieren - Naturverjüngung aller Baumarten überall, Zäune sind nicht notwendig! So sollte es überall in Bayern aussehen! Die Jäger sollten dieses Ansinnen unterstützen und nicht an alten, überkommenen Traditionen festhalten!

Eine zeitgemäße Schalenwildbejagung muss sich - wie im bayerischen Jagd- und Waldgesetz festgeschrieben - am Lebensraum des Wildes und damit auch an der Verbiss- und Schadensreduktion orientieren. Keiner will das Rehwild ausrotten! Wer die Natur liebt, hat Achtung vor jedem Teil davon. Aber das Verhältnis muss ausgeglichen sein, der Wald muss wachsen können!
(Wolfgang Kornder, Vorsitzender des Ökologischen Jagdvereines Bayern, Mail)