Als Natalia Yildirim (31) vor acht Jahren nach Forchheim kam, hieß sie noch Natalia Soloveva und sprach Russisch. Sie verliebte sich in Haldun Yildirim (39), einen Türke, der Deutsch sprach. Natalia und Haldun verständigten sich auf Englisch - und 2004 wurden sie ein Ehepaar. Von da an reichte es nicht mehr, einander zu verstehen: Andere begannen mitzureden. "Ein türkischer Mann ist in seiner Kultur sehr stark", sagt Natalia Yildirim. Die Familie ihres Mannes wollte, dass sich die russische Schwiegertochter anpasst: "Sie versuchten mich in die türkische Ecke zu holen."

Doch zu allererst musste sich die Russin in der deutschen, sprich in der Forchheimer Ecke zurechtfinden. Das sah auch Haldun Yildirim so: "Wir leben hier, Deutsch muss im Vordergrund stehen, man sollte sich anpassen."
Hinter dieser Überzeugung des 39-Jährigen steckt eine starke Erfahrung. Er ist in Forchheim geboren. Der Einfluss des türkischen Clans war nicht übermäßig. "Ich bin in einer türkischen Familie unter Deutschen in Buckenhofen aufgewachsen", sagt der 39-Jährige. Das hat ihm neben seiner Muttersprache zu einem akzentfreien Deutsch - und einem astreinen Fränkisch verholfen. Haldun surft zwischen den Sprachen; unterhält sich Türkisch mit der Mutter, Deutsch mit den Freunden und spätestens beim Schafkopfspiel wechselt er ins Fränkische. "Ich weiß gar nicht wie, das passiert intuitiv", sagt Haldun. Fast ist es so, als hätte er zwei Muttersprachen.
Seiner in Omsk geborenen Frau dagegen kommt es nach acht Jahren Deutschland so vor, als hätte sie ihre geliebte Muttersprache verloren: "Ich habe kein richtiges Deutsch gelernt - und mein Russisch vergessen."

Das sei natürlich übertrieben, sagt Haldun: "Ich hab' eine begabte Frau erwischt." Die Sprachbegabte versteht mittlerweile auch Türkisch und leidlich Fränkisch. Ihr Russisch pflegt sie fast nur noch beim Fluchen. An den Start in die neue Sprache erinnert sie sich nicht gern: "Das erste Jahr war ich ganz leise", erzählt Natalia. Es sei ein seltsames Gefühl gewesen, Deutsch zu lernen: "Du verstehst alles - aber kannst nicht reden, die Zunge ist wie abgeschnitten."

Als die Kinder kamen, wurde es noch komplizierter. Selin (8), Kemal (5) und Dilara (3) haben die Sprachen in der Familie Yilderim sehr unterschiedlich erfahren. "Mit Selin wollte ich unbedingt Russisch sprechen", sagt Natalia. Selin lernte Russisch, Türkisch und Deutsch. Daher kann Selin mit ihrer türkischen und ihrer russischen Oma in deren Muttersprache reden. Und Kemal und Dilara? Natalia seufzt: "Da hab' ich aufgegeben." Kemal und Dilara verstehen Türkisch und Russisch, aber sie sprechen es nicht.


Schwieriger Sprachwechsel



Natalia und Haldun Yilderim betreiben ein Gasthaus und eine Schulkantine. Es gebe nicht genug Gelegenheit, alle Sprachen mit allen zu lernen, sagt Haldun. Es gebe Tage, sagt Natalia, "da stehe ich auf und nehme mir vor, nur noch Russisch mit den Kindern zu reden - und dann kommt wieder das Deutsche dazwischen." Auch Haldun findet es schwer, "mit den Kindern laufend vom Deutschen auf das Türkische zu wechseln".

Damit jeder jeden versteht, haben sich die Yildirims auf eine Sprache geeinigt. "Die Muttersprache der Kinder ist Deutsch", sagt Familienvater Haldun. Seine Frau hat sich damit nicht ganz abgefunden: "Ich lese den Kindern gerne russische Bücher vor, aber wenn ich mit ihnen rede, dann immer Deutsch, das wundert mich selbst." Manchmal empfindet es die 31-Jährige auch als "beschämend, sich nicht perfekt ausdrücken zu können". Und Witze in deutscher Sprache verstehe sie grundsätzlich "nie".

Kompliziert werde es auch, wenn die Verwandtschaft zusammenkommt. Natalias Mutter hat zwar einen Deutschkurs belegt, aber es reicht nur für ein paar Sätze. Die Kinder versuchen sich dann als Dolmetscher. Letztlich sei ein deutsch-türkisch-russisches Familientreffen stark von Gesten und Gebärden abhängig, erzählt Haldun. Und Natalia ist erstaunt, wie sich die türkische und die russische Oma begegnen: "Irgendwie verstehen sie sich doch."

Wirklich unverständlich wird es für Natalia Yildirim nur, wenn sie beim Annafest ins totale Fränkisch eintauchen muss: "Dann weiß ich nicht, was die reden." Natalia weiß aber, dass ein Weizen mit Sprite hier "Russenmaß" genannt wird. Und wenn jemand beim Annafest "an Russn" bestellt, sagt Natalia: "Ich bin schon da."