Man kann zuschauen, wie das "Haus der Wohnungswirtschaft" förmlich aus dem Boden wächst. Neues Leben in der Herderstraße, dem ehemaligen Glasscherbenviertel der Stadt. Auf dem Areal zwischen Bammersdorfer Straße und den Bahngleisen entsteht eine zentrale Anlaufstelle der rund 1800 Mieter der Gemeinnützigen Wohnungsbau- und Verwaltungsgenossenschaft (GWS), der gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft (GEWOG), der Wohnungsbau- und Verwaltungsgenossenschaft Forchheim (WVG) sowie der Wohnungsbau-Servicegesellschaft mit einem Hausmeisterpool, der die Objekte betreut.
"Für mich der krönende Abschluss des Projektes Soziale Stadt, das vor neun Jahren begonnen hat und das Forchheim-Nord zu einem Ortsteil gemacht hat, auf den Bewohner anderer Stadtteile mittlerweile mit etwas Neid blicken", findet Wirtschaftsförderer und GWS-Geschäftsführer Heinz Schwab. Er bekennt: "Ich bin stolz darauf, was hier passiert ist."

Am Bürger vorbei geplant?


Nicht so Otwin Schneider, Sprecher der Bürgerinitiative Forchheim-Nord. Der Anwohner der Jean-Paul-Straße kritisiert eine mangelnde Bürgerbeteiligung an dem Projekt. Im Zuge des Genehmigungsverfahrens hatten auch Stadträte Kritik geübt. "Ein Schmuckstück wird das nicht", hatte sich Edith Fießer (Die Grünen) enttäuscht gezeigt. Erwin Held (Freie Wähler) hatte der Planung "Kasernenhof-Charakter" attestiert und Heinz Endres (Freie Bürger Forchheim, FBF) die Mauer, die auf der Nordseite den Zugang zum Innenhof und zur Maschinenhalle der WSG verwehrt, mit der ehemaligen Berliner Zonengrenze verglichen. "Fehlt nur der Stacheldraht", ätzte Endres.
Dies habe nichts mit Bürgernähe zu tun, kritisiert nun Otwin Schneider, der den Neubau als Fremdkörper brandmarkt. Mit den geplanten baulichen Maßnahmen - im hinteren Bereich des Grundstücks plant die GWS ein Wohnhaus mit 15 Wohneinheiten und Garagen - sei die Sanierung des sozialen Brennpunktes Herder-Areal, Hans-Watzlik- und Jean-Paul-Straße nicht umzusetzen. "Das Umfeld schmuddelt weiter dahin", behauptet Schneider.
"Stimmt nicht", hält Sabine Schulenburg von der GWS dagegen. Zwar sei mit der Abrissbirne nicht sofort das Negativ-Image des ganzen Viertels ausgelöscht worden, doch habe sich in den vergangenen Jahren im Forchheimer Norden viel getan. Nahezu zwei Drittel des Altbestandes der Wohnblöcke seien zwischen 2003 und 2009 mit einem Kostenaufwand von mehr als 20 Millionen (!) Euro saniert worden. Und die Arbeiten sind noch nicht abgeschlossen. "Hier hat sich gezeigt, dass jeder Euro an Fördermitteln aus dem Programm 'Soziale Stadt' der Bundesregierung ein Investitionsvolumen von zehn Euro ausgelöst hat" , betont Heinz Schwab, der die Neu-Beplanung des Herder-Areals verteidigt.

Mauer wird kleiner


"Die hier entstehenden Wohnungen müssen bezahlbar sein", findet auch Sabine Schulenburg. Die Mauer, die mittlerweile statt ursprünglich 3,45 nur noch 2,20 Meter hoch werden soll, sei aus Sicherheitsgründen unverzichtbar. Im Prinzip sei das ein Werksgelände, auf dem spielende Kinder nichts verloren hätten. "Zu gefährlich", urteilt Schulenburg. Auf der Ostseite werde dieser Handwerkerhof durch ein Tor von der Außenwelt abgegrenzt. Offen bleibe dagegen der Hof zwischen der Wohnanlage im Osten des Grundstückes und den Garagen.
Die dort entstehenden Zwei- und Drei-Zimmer-Wohnungen seien heiß begehrt, behauptet Wolfgang Bonengel vom Haus der Wohnungswirtschaft. Auch in der Hölderlin-Straßen gingen die Überlegungen dahin, statt zu sanieren, die Häuser abzureißen und neu zu bauen. Bonengel erinnert, dass im 103 Hektar großen Forchheimer Nordern mit seinen 5000 Einwohnern auch die Spielplätze saniert wurden, dass es an der Adalbert-Stifter-Schule ein attraktives Bildungsangebot, eine Mittagsbetreuung und Treffpunkte für Kinder und Jugendliche gebe. "Die Schule ist Lebensraum geworden", fasst Sabine Schulenburg zusammen.

Engagement ist gestiegen


Auch Kathrin Reif, seit 2009 Leiterin des Bürgerzentrums Mehrgenerationenhaus am Gemeindezentrum Christuskirche, bestätigt, dass der Stadtteil an Attraktivität gewonnen habe. Vor allem das ehrenamtliche Engagement seit deutlich gestiegen. Die 49 Angebote, die Wohlfahrtsverbände, die Kirchen und die Stadt vorhalten, würden wöchentlich von 400 Personen wahrgenommen.
"Unsere 17 Integrationslotsen sprechen zwölf Sprachen. Sie sind zwischen 30 und 70 und haben sich als unverzichtbare Brückenbauer erweisen, wenn es darum geht, Mitbewohnern Hilfe und Orientierung zu geben", freut sich Kathrin Reif.
Zunehmender Beliebtheit erfreue sich das Internationale Frauencafé und zur Teestunde für trauernde Angehörige kämen auch Gäste aus der Fränkischen Schweiz. Der "Mittagstisch" sei zu einem Treffpunkt für die Bewohner von ganz Forchheim geworden. Demnächst vermittle das Bürgerzentrum auch "Haushaltsperlen", verrät Kathrin Reif. So streife das Gebiet Zug um Zug sein Negativ-Image ab.