Der Anker wird ausgeworfen, die Trossen befestigt - die MS Wissenschaft macht Halt in Forchheim. Etwa 100 Meter lang ist das Binnenmotorschiff und im großen Schiffsbauch findet sich - vom Bug zum Heck, von backbord nach steuerbord - Wissen.
Der Anlass für die Fahrt durch Deutschland und Österreich ist das Wissenschaftsjahr "Die demografische Chance". Von April bis September macht das Gütermotorschiff zwischen Berlin und Linz 40 Mal Station.
Wer in den Schiffsbauch hinuntersteigt findet in knalligen Blau- und Grüntönen verschiedene Stationen zum Lernen, Lesen und Selbstausprobieren. An der Station "Grundlagen für Integration" beginnt David Brendel (15) seinen Rundgang. Er steht an dem Bildschirm und hört den Erklärungen durch Kopfhörer zu. David wohnt in der Nähe und war auch letztes Jahr bei der Ausstellung. "Dieses Jahr hat sich vieles noch verbessert", findet er.

Der zwölfjährige Marco sitzt währenddessen mit seinem Großvater Hilmer Weilersbach an einem Monitor mit demografischen Simulationen, die erscheinen ihm aber etwas kompliziert. Was ihm besser gefällt, ist die Stoff-Robbe "Paro". Was aussieht wie ein Plüschtier, ist mit Sensoren ausgestattet; die erfassen, ob "Paro" gerade liegt oder hochgenommen wird. Dann bewegt die Robbe Kopf und Flossen oder zwinkert mit den Kulleraugen. Die Beschreibung erklärt, dass Demenz-Patienten durch den Kontakt mit solchen Robotern gelöster und gesprächiger werden, weil das Tier Schlüsselreflexe auslöst, die für Emotionen und Sprache entscheidend sind.
Auch Shaquan Hilbert (11) findet die Robbe "süß, fast wie ein kleiner Hund!". Ihm und seinen Freunden Marvin Ogolla und David Meisel gefällt der technische Aspekt der Ausstellung, mit den vielen Geräten kommen sie gut zurecht.
Ein besonders auffälliges Exponat ist der intelligente Rollstuhl. Er soll Menschen mit Gehbehinderung helfen im täglichen Verkehr besser zurechtzukommen. Die 13-jährige Sarah probiert den Rollstuhl gerade aus, während ihr Bruder Tim (10) zusieht. "Schwierig zu fahren ist er schon", sagt sie; aber es sei auch gut, dass solche Geräte entwickelt werden.

"Sinnvolle Investition"

Aber nicht nur Kinder und Eltern sind bei der Ausstellung anzutreffen: Heinrich und Christine Kredel leben selber mit mehreren Generationen im selben Haus und wissen um die Bedeutung des Themas Demografie. Heinrich Kredel ist in der Altersvorsorge tätig und bemängelt, wie wenig die jungen Leute privat für das Alter sparen: "Bei dieser Veranstaltung kann man viel darüber lernen." Außerdem fällt dem Paar auf, wie extrem die demografischen Unterschiede sind: In den weniger entwickelten Ländern gebe es einen Baby-Boom; in Ländern wie Deutschland würden die Kinder immer weniger.
Die Brüder Stefan und Frank Mordmüller waren zum Radfahren in der Fränkischen Schweiz unterwegs, aber die MS Wissenschaft wollten sie sich nicht entgehen lassen. Stefan Mordmüller lobt das ausschließlich vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gesponserte Fahrzeug: "Das ist wirklich eine sinnvolle Investition von Steuergeldern."
Die beiden Touristen zeigen sich bei den Simulationen von Alterskrankheiten (Altersblindheit, Tremor) besonders beeindruckt. Frank Mordmüller findet es "extrem interessant, was im Alter mit dem Gehirn passiert und wie sich das auf den Alltag auswirkt".
Am längsten beschäftigen sich viele Besucher mit der Morphing-Station. Auf einem Tablet-PC zeigt eine Software, wie man im höheren Alter aussehen wird. Auch der siebenjährige Moritz Thorn freut sich darüber, sein künftiges Ich schon mal kennenzulernen.
Wer mal Probleme mit einem Exponat hat, kann sich jederzeit an die Ausstellungslotsen wenden. Julien Fielon (26) ist einer von ihnen: "Die Lotsen sind alle Studenten verschiedener Fachrichtungen und im Wechsel immer zwei Wochen an Bord", erklärt er. Außerdem erzählt er, dass die Ausstellung in kleineren Städten wie Forchheim besonders gut ankommt, während sie in Großstädten oft untergeht. "Aber überall wird die interaktive Wissenssammlung gelobt und sehr selten werden Themen vermisst".
Auch über Stadtplanung werden die Besucher informiert: Etwas zeigt ein Modell, wie eine Stadt für jedes Alter aussehen könnte. Es gibt Senioren-Wohngemeinschaften, Lebensmittel werden über Lieferdienste vertrieben und die Schilder in den Straßen sind bunter und eindeutiger. Wer die Miniaturmenschen in dem Modell genau anschaut, bemerkt: In der Zukunft wird die Gesellschaft immer älter, Kinder werden seltener.
Auf der MS Wissenschaft allerdings sind Kinder in der Mehrzahl. Wer noch nicht da war, kann die eintrittsfreie Ausstellung noch bis Mittwoch besuchen. Dann heißt es wieder: Leinen los, Anker lichten.