"Katzengulasch mit Sägemehl", dieser abstrus unappetitliche Satz rutscht Cris Ortega raus, wenn ihn der Busfahrer nach dem Ticket fragt. Der Erlanger leidet unter dem Tourette-Syndrom. Wenn das, wie er es nennt, "Tourettier" ausbricht, zucken seine Muskeln unkontrolliert und seltsame Worte plätschern nur so aus ihm heraus. Problematisch sei auch sein Tick, bei einem Bankbesuch Überfall zu rufen, scherzt er. Vor Schimpfworten sei das Publikum am Mittwochabend im Testa-Rossa-Café der Sparkasse Forchheim aber sicher.

Mit vier weiteren Künstlern tritt der Erlanger beim Poetry Slam zu Gunsten der Tobias-Büttner-Stiftung "Neven-aus-Stahl" auf. Der 27-jährige Schirmherr und Ex-Handballer erlitt bei einem Sturz eine inkomplette Querschnittlähmung. Seither kämpft er sich in den Alltag zurück. Mit der Stiftung will er Leidensgenossen Mut machen. (Der FT berichtete).

Die Poeten freuten sich über Live-Publikum

Poetry Slam ist ein Dichterwettstreit, bei dem das Publikum den Sieger kürt. Die Zuschauer dürfen jubeln, klatschen, doch niemals einen Beitrag ausbuhen. Das oberste Gebot der Slammer-Gemeinde lautet: "Respect the Poet" - also, respektiere den Künstler. In ihren gesprochenen, gerappten, emotionalen Texten leben die Wortakrobaten von der Interaktion mit ihrem Publikum. Zum ersten Mal nach der monatelangen Zwangspause durften sie am Mittwochabend wieder vor einem - wenn auch überschaubaren - Live-Publikum auftreten. Zuhausegebliebene konnten via Livestream über den heimischen PC mal wieder etwas Kulturflair erleben.

Das übergeordnete Thema des Abends lautete Barrieren. Nicht nur physische Blockaden sind damit gemeint, die Menschen mit Behinderung vom gesellschaftlichen Leben ausschließen. Es geht vor allem um die Barrieren und Vorurteile in unseren Köpfen.

"Was ist normal?"

So beschreibt Ortega humoristisch sein tägliches Martyrium einer Busfahrt. Seine Pointen sitzen, doch der Subtext stellt die unbequeme Frage: Wie reagiert ihr, wenn ein junger Mann im Bus plötzlich zuckt und spricht als sei "Fausts Mephisto" höchstpersönlich in ihn gefahren? "Die gebrechliche Oma" setzt sich weg, "weil man sich für ihn ja schämen muss", dichtet der Poet.

Mitleid sei aber die falsche Reaktion, so Slammerin Barbara Gerlach. Fern ab der Bühne ist sie Heilerziehungspflegerin. Ihre Schützlinge sind Kinder mit schwersten Behinderungen. Doch Mitleid hält klein, stellt Menschen abseits der Norm. "Was ist normal?", fragt Gerlach das Publikum. Vielleicht ein Job, der die ganze Lebenszeit auffrisst? Diese Menschen seien zu bemitleiden, glaubt sie. Von ihren Schützlingen aber hätte sie Liebe und Lebensfreude gelernt.

Depression ist eine Krankheit

"Hallo, ich bin Ann Katharina Re und ich habe Depressionen." Mit ihrer eigenen Krankheitsgeschichte will die Bamberger Poetin aufrütteln. Depressionen würden noch immer nicht als ernste Erkrankung wahrgenommen, schließlich lehre der Volksmund den fatalen Irrglauben, "nur schwache Menschen werden depressiv."

Märchenhelden in dir Selbsthilfegruppe

Der Nürnberger Nils Nektarine findet einen humoristischen Zugang zu einer etwas anderen Form der Barriere: fehlende "Social Skills". So parodiert er verkopfte Naturwissenschaftler bei der Partnersuche. Das gefiel dem Publikum so gut, dass sie ihn ins Finale wählen. In seinem zweiten Text schickt er Märchenhelden in die Selbsthilfegruppe. Denn ein Happy End ist bloße Momentaufnahme, das Leben gehe schließlich fernab der Seiten weiter.

So ist die Schöne depressiv, weil sie mit einem narzisstischen Prinzen verheiratet ist. Mit schwindender Liebe verlor auch der Zauber seine Wirkung und nun lebt sie mit einem haarigen Biest zusammen. Peter Pan hingegen verzweifelte am Älterwerden und verfiel dem Alkohol.

Der Sieg geht nach Nürnberg

Für den Sieg reichte die Märchenparodie nicht. Den holte sich die Nürnbergerin Enora LeCorre. Die angehende Psychologin rappt die eindringliche Symphonie einer manischen Depression. Schnelle Passagen voller Hochgefühl und Glück überschlagen sich mit den trägen Episoden, die an tagelanges "Gabelkratzen im Krankenhaus" erinnern.

Reise statt Schnaps

Im Poetry Slam geht es nicht um den Gewinn. Was klingt wie eine Floskel wird in der Slammer-Gemeinde dadurch bewiesen, dass der Sieger meist eine Flasche Schnaps mit ungenießbar aussehender Füllung erhält. An diesem Abend ist Enora LeCorres Gewinn kostspieliger. Sie erhält einen Gutschein für einen Kurztrip. Wichtiger für die Künstler war es aber wieder vor Publikum aufzutreten. Dank des Einsatzes von Desinfektionsmittel und Spuckschutz, ist Kultur auch in Forchheim endlich wieder möglich.

Tobis Büttner zeigt sich begeistert von den wortgewandten Darbietungen: "Humor macht es einfacher Barrieren zu überwinden."