Schwarzes Meer oder Nordsee? Egal! Hauptsache Kanal! Es müsste nur ein Kahn anhalten. Ein Lied auf den Lippen und schon geht es los. "Nimm mich mit, Kapitän! Nimm mich mit in die weite, weite Welt!", trällere ich, während ich zur Schleuseninsel schlendere. Bis zum Südpol reicht mein Geld zwar nicht. "Aber bis Rotterdam oder an die Schwarzmeerküste könnte die Kohle schon reichen", denke ich und steh erstmal da wie der Ochs vorm Berg.

Die Forchheimer Schleuse ist durch einen dicken Zaun gesichert. Aber wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Also die Klingel am Tor gedrückt und siehe da: Plötzlich bewegen sich Videokameras lautlos am Himmel. Eine tiefe Stimme ertönt aus dem kleinen Lautsprecher der Sprechanlage. "Leitzentrale Main-Donau-Kanal! Außenstelle Neuses! Was wollen Sie?", fragt eine nette Stimme. "Fort. Also weg über das Wasser ans Meer", antworte ich. Das Fernweh treibe mich. Und der Weg sei das Ziel.

Ich höre, dass kein Mensch mehr an der Forchheimer Schleuse arbeitet. Von Bamberg bis Hausen werden die vier Schleusenkammern quasi per Fernbedienung von den Männer in Neuses gesteuert. Eine Mitfahrzentrale für Anhalter am Ufer seien sie nicht. Aber ja, vielleicht ließe sich was machen. Wohin ich wolle? "In die Ferne! Hauptsache in die weite Welt hinaus! Aber am liebsten in den Süden. Über das Donaudelta ins Schwarze Meer!" Der freundliche Herr muss auf auf seine Bildschirme schauen. Die "Insomnia" fahre unter belgischer Flagge nordwärts. Aber die "Lohr", die steuere gen Süden.

Mit einem Sprung an Bord

Der Mann greift zum Hörer und funkt den Kahn an. Der Kapitän der "Lohr" gibt grünes Licht, erfahre ich. Nur gut am Ufer positionieren müsste man sich. Mit einem Filzstift schreibe ich auf eine Papptafel: "Nimm mich mit, Kapitän!" Die nächste Stunde vertreibe ich mir mit Warten. Dann taucht sie auf. Am Oberwasser der Schleuse winke ich mit meiner Tramp-Tafel. Die Lohr legt sich längs ans Ufer. Fender werden über die Reling geworfen, um den Rumpf zu schützen. Mit einem kleinen Sprung hüpfe ich an Bord.

"Der Kapitän ist im Steuerhaus", begrüßt mich Schiffsjunge Sascha. Rote Treppen führen hinauf zum Führerhaus. Alles piccobello auf der "Lohr", denke ich und sage: "Ahoi!" Der Käpt'n sagt "Servus" und zündet sich eine Zigarette an. Dann sagt er erstmal nichts. Ich schaue auf die Bord-Instrumente. Blicke aufs Echolot: Tiefe - drei Meter. Dann der Tacho: elf Stundenkilometer. Ein Schnellboot ist der Kutter nicht, denke ich. "Wir sind um fünf Uhr in der Früh in Schweinfurt losgefahren. Mit 1400 Tonnen Rohgips an Bord", beginnt Kapitän Karl Popp zu erzählen.

Reisen im Schneckentempo

In drei Tagen wird er in Regensburg anlanden. Wo ich überhaupt hinwolle? Kajüten seien jedenfalls keine frei. "Ob er schon einmal bis ans schwarze Meer gefahren ist?", frage ich. "Ja! Constanta!" Vier Wochen hin, vier Wochen zurück. Eine lange Reise. Aber die Donau, die habe so ihre Tücken. Lieber sei ihm da der Rhein. Am liebsten hätte er die Loreley, erzählt er und deutet aufs Ufer. "Würmerbader", schimpft der Käpt'n die Angler. In seiner Freizeit könne er sich etwas besseres vorstellen. "Ich bin nur im Urlaub daheim. Sonst immer auf dem Schiff. Seit ich 14 bin. Mein Lehrer in der Volksschule hat mich überredet."



Früher sei die Familie noch mitgefahren. Aber dann blieb die Frau in Unterfranken, als die Kinder in die Schule mussten. "Jetzt hab ich noch ein Jahr. Dann bin ich 65. Dann ist Schluss." Bereuen tue er nichts. Aber seinen Kindern würde er von diesem Job abraten. Zu viel Zeit verbringe man fern der Heimat. Heute Abend will er die Lohr bis zur Schleuse Kriegenbrunn kurz hinter Erlangen steuern. Dann noch ein Tag bis Nürnberg. Und noch ein Tag bis Regensburg. Mir schwant, mir fehlt die Zeit für diesen Trip.

Der 20-jährige Sascha Lippert hat sich bewusst für die Langsamkeit an Bord entschieden. "Die Freiheit ist schon atemberaubend." Er lebt an Bord. Und verdient nicht schlecht: Im ersten Lehrjahr genau 978 Euro pro Monat. Nach drei Jahren Lehrzeit steigt er vom Leichtmatrosen zum Bootsmann auf. Dann noch ein Jahr und er sei Steuermann.

In Hausen springe ich von Bord. Die kurze Reise ist vorbei. Das Motordröhnen und langsame Gleiten über das ölige, glatte Wasser fehlt mir schon, als ich per Anhalter auf der Straße zurück nach Forchheim fahre.