Erinnerungslücken, Orientierungslosigkeit und das Gefühl von Ohnmacht: Eine 27-Jährige durchlebte am 28. Juli 2014 einen Albtraum. Die Medizin-Studentin hatte, nachdem sie an einer Studie am Bamberger Klinikum teilgenommen hatte, enorme Gedächtnislücken und wollte sich daher untersuchen lassen. Dafür fuhr sie ins Forchheimer Klinikum. Eine Blutanalyse zeigte später einen enorm hohen Benzidiazepinen-Spiegel, wodurch die Ermittlungen gegen den Bamberger Chefarzt Heinz W. ins Rollen kam. Doch am Forchheimer Klinikum wurde das Blut nicht genommen.

In einem Gespräch mit dem "Stern" beschrieb die 27-Jährige den Abend am Klinikum in Forchheim ausführlich. Ihr habe mehr als eine Stunde in ihrer Erinnerung gefehlt und sie habe nicht gewusst, wie sie von dem Untersuchungszimmer in Bamberg auf die Straße gekommen sei. Einfachste Schrittkombinationen beim Tanzkurs bekam sie nicht mehr auf die Reihe - schließlich brachte sie ihr Freund ans Forchheimer Klinikum. Dass ihr die diensthabende Ärztin in Forchheim kein Blut abnehmen wollte, begründete diese laut der 27-Jährigen damit, dass es Notfallnummern für Teilnehmer an Studien gebe.

Telefonat statt Blutabnahme

Der Freund der Medizin-Studentin bot an, die Untersuchung selbst zu bezahlen, doch auch dann wollte die Ärztin keine Blutanalyse vornehmen. Aber sie rief wohl im Bamberger Klinikum an und ließ sich die Privatnummer von Heinz W. geben. "Sie sagte zu Dr. W., ich hätte die Vermutung, er habe mir K.o.-Tropfen gespritzt. Mir war das peinlich, das hatte ich so auch nie gesagt. Ich wollte niemand zu Unrecht verdächtigen", sagte die junge Frau dem "Stern". Heinz W. erzählte ihr dann am Telefon, es könnten Nebenwirkungen von dem Kontrastmittel sein, das er ihr gespritzt hatte.

Schlussendlich nahm die Forchheimer Ärztin kein Blut und sagte zur 27-Jährigen, sie müsse zuerst Anzeige bei der Polizei erstatten. Außerdem soll die diensthabende Ärztin gefragt haben, warum ein Chefarzt sie betäuben sollte.

Die junge Frau mit den Gedächtnislücken musste sich etwas anderes einfallen lassen, um Klarheit zu bekommen. Ihr Vater, der 80 Kilometer entfernt wohnt und selbst Internist ist, konnte sich keinen Reim auf die Gedächtnislücken machen - trotz der Erklärungsversuche von Heinz W. Deshalb traf er sich mit seiner Tochter und ihrem Freund auf halber Strecke auf einem Autobahnrastplatz an der A 73. Dort nahm er ihr Blut ab und untersuchte es später. Im Prozess sind diese Blutproben nun ein wichtiges Beweisstück, denn von keinem der anderen Opfer, die alle zwischen 17 und 28 Jahre alt sind, liegt ein Nachweis für eine Betäubung vor.

Wann wird Blut genommen?

Aber wieso wurde in Forchheim keine Blutanalyse durchgeführt? Reinhard Hautmann, Geschäftsführer des Klinikums Forchheim, möchte dazu nichts sagen. "Es handelt sich um ein schwebendes Verfahren, deshalb gebe ich dazu keine Auskunft."

Ursula Greiner, Vorsitzende des ärztlichen Kreisverbands Forchheim, kennt die Pflichten und Grenzen der Mediziner: "Solange kein Notfall vorliegt, der das Leben bedroht, muss ein Arzt nicht eingreifen. Wie genau die rechtliche Lage ist, kann ich nicht sagen, ich bin keine Juristin."

Dafür hat die bayerische Landesärztekammer eine Rechtsabteilung. Diese lässt über die Presseabteilung verlautbaren, dass eine Blutabnahme grundsätzlich immer ein invasiver Eingriff sei. "Wir haben keine Wunschmedizin. Nur weil jemand darum bittet, dass ihm Blut abgenommen wird, heißt das nicht, dass das auch gemacht werden kann", erklärt die Pressesprecherin. Da bei der Blutabnahme eine Nadel in den Körper eingeführt wird, gilt dies als Körperverletzung. "Das ist, selbst bei Einverständnis der Patientin, schwierig", sagt die Pressesprecherin, "grundsätzlich obliegt die Beweismittelsicherung der Polizei. Aus der Vertrauensstellung heraus sollte ein Arzt sich kümmern und fachlichen Rat, zum Beispiel aus der nächstgelegenen Rechtsmedizin einholen." Zum Fall am Forchheimer Klinikum wollte auch sie aufgrund des laufenden Verfahrens um Heinz W. keine Aussage machen.


Kommentar von Jennifer Hauser

Eine Frau kommt ins Klinikum und bittet um Hilfe. Sie hat Angst, dass sie betäubt wurde - und in der Klinik hilft keiner. Eine Situation, die für mich unheimlich beängstigend ist. Wie kann es sein, dass Ärzte bei einem solchen Verdacht kein Blut entnehmen?

Es ist drastisch und doch so typisch deutsch: Die Gesetze verbieten eine Blutabnahme, die nicht von der Polizei autorisiert wurde. Unfassbar, dass das Handeln der Ärztin in Forchheim nicht falsch, sondern sogar richtig war. Es ist bestürzend, dass so ein Verhalten sogar empfohlen wird. Die Vorstellung ist furchtbar, dass das Treiben des Bamberger Chefarzt nicht aufgedeckt worden wäre, wenn die junge Frau sich das Blut nicht von ihrem Vater hätte abnehmen lassen können.

Solche Gesetze machen mich krank. Beweissicherungshoheit zum Trotz: In diesem Prozess wären die Blutproben fast verloren gegangen - ein Skandal innerhalb des einen großen Skandals.