Die Situation war etwas surreal: Sonnenlicht drang durch die Lamellenjalousien im Sitzungssaal des Landgerichts Bamberg. Im geraden Blickfeld hing ein Kreuz. Stille, nahezu angenehm, herrschte im Raum, in dem sich rund ein Dutzend Personen befanden. Darunter: Ein 39-jähriger Forchheimer, der sich wegen einer Maßkrug-Attacke auf dem Annafest vor Gericht verantworten musste.

Die Tür unterhalb des Kreuzes öffnete sich. Vorsitzender Richter Manfred Schmidt trat hindurch. Im Stehen verlas er das Urteil, das binnen Sekunden über das weitere Schicksal des Angeklagten entschied: Erstens, der Angeklagte sei einer gefährlichen Körperverletzung schuldig. Zweitens, er erhalte eine Freiheitsstrafe von drei Jahren. Drittens, die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt werde angeordnet. Viertens, der Angeklagte trage die Kosten des Verfahrens und die Auslagen des Nebenklägers.

"Die Hauptfrage in diesem Verfahren war, wie man die Tat rechtlich wertet," begann der Vorsitzende Richter das Urteil zu erläutern: "Der Grad zwischen einer gefährlichen Körperverletzung und versuchtem Totschlag ist immer relativ schmal." In den Kopf des Angeklagten könne man nicht blicken. "Man weiß nicht, was er sich gedacht hat." In diesem Fall spreche jedoch einiges gegen einen Tötungsversuch, "zum einen der Beginn". Beide Männer hätten miteinander diskutiert, einer habe sich sprachlich und argumentativ vielleicht überlegen gezeigt. "Dann geht das Verbale ins Tätliche über", sagte Schmidt. Die sich langsam erhitzende Situation und der Alkoholgenuss sprächen gegen einen Tötungsversuch. "Zum anderen gibt es kein nachvollziehbares Motiv", erklärte der Richter. Man unterhielt sich über Erziehungsfragen. Außerdem habe der Beschuldigte keine weiteren Tritte oder Schläge unternommen, als das Opfer bereits auf dem Boden lag. Er habe sich vielmehr in "Filmmanier" hingekniet und sich festnehmen lassen.

Die Frage, welche Strafe man gebe, sei auch nicht so einfach zu beantworten: Die maßgebliche Alkoholisierung führe zu keiner Strafmilderung. Die Tatsache, dass ein Vergleich zur Wiedergutmachung in Höhe von 5000 Euro getroffen wurde, könne man mit "Ach und Krach" als Täter-Opfer-Ausgleich werten. "Normalerweise ist eine Maßkrug-Attacke kein minderschwerer Fall," stellte der Richter fest. Da sich der Geschädigte jedoch auf den Vorschlag des Täters, "wie Männer miteinander zu reden", eingelassen habe, von "alkoholisierter Enthemmung" auszugehen sei und die Situation sich "hochgeschaukelt" habe, sei - "alles zusammen betrachtet" - ein minderschwerer Fall anzunehmen. Die Tat sei allerdings "krass" und "nicht zu bagatellisieren". Der Beschuldigte weise bereits Vorstrafen auf, "aber: Er ist nicht der Schläger, der durch die Gegend läuft, um andere zu schlagen". Der Richter fasste zusammen: "Wenn man alles miteinander abwägt, dann kommt man auf eine Strafe von drei Jahren."

Der "Hang, alkoholische Getränke zu sich nehmen", liege vor. Die Therapiebereitschaft des Angeklagten sei schwankend. Der Richter appellierte an den Forchheimer: "Schauen Sie, dass Sie alles in den Griff kriegen. Nutzen Sie die Therapie."