St. Martin reitet durch die Stadt: eine Nachricht, die auch im Zeitalter von Konsole und Tablet die Kinder in Forchheim zu elektrisieren vermag. Bunte Laternen schwanken durch die nächtliche Hauptstraße, die Blasmusik spielt, begleitet die Lieder, die im Kindergarten gelernt wurden. Voran reitet, von Fackeln begleitet, St. Martin in der Rüstung eines römischen Offiziers. Am Rathausplatz zerteilt er mit dem Schwert seinen Mantel, um eine Hälfte dem frierenden Bettler hinunterzureichen. Ja und dann werden Martinsbrezen verteilt. Nie haben sie besser geschmeckt!

Seit 60 Jahren wird dieser fromme Brauch in Forchheim am Martinstag, 11. November, am Leben erhalten. Zu verdanken ist dies der Kolpingfamilie. Sie hat schon den ersten Martinsritt 1953 organisiert, und Generationen von Kindern behalten dieses Ereignis im Gedächtnis.
Auch wenn inzwischen Stadtteil-Pfarreien und Kindergärten eigene Martinszüge veranstalten - in der Stadt müssen sie dabei sein.
Hans Grohberger aus der Vogelstraße war ein "Mann der ersten Stunde". Der Vorsitzende der Kolpingfamilie, Herbert Pfeffermann, organisiert das Schauspiel seit 1978.

Wie kam der Martinsritt eigentlich zustande? Pfeffermann verweist auf die Festschrift der Kolpingfamilie zum 100. Jubiläum. Dort ist aufgeführt, dass der Hauptlehrer und spätere Stadtchronist und Stadtarchivar Max Kaupert 1952 die Anregung gegeben hat, einen Martinszug wie in seiner Bamberger Heimat auch in Forchheim einzuführen. Hans Grohberger gehörte als junger Mann bereits dem Vorstandsgremium an. Er erinnert sich, dass der damalige Präses Pater Martin Kuhn (von der Ordensgemeinschaft der Hl. Engel aus Schloss Banz) 1953 angeregt hatte: "Wir machen den Heiligen Martin!"

Grohberger und weitere Kolpingssöhne waren Feuer und Flamme, und er erklärte sich auch bereit, auf ein Pferd zu steigen, um den Heiligen darzustellen. Ein Pferd zu finden war in der noch landwirtschaftlich geprägten Altstadt nicht schwer. Der "Posthalter" Wagner in der Wiesentstraße, der noch mit dem Pferdekarren Post ausfuhr, erklärte sich dazu bereit. Aber woher die Gewänder für den Hl. Martin, die Wächter (Begleiter) und den Bettler nehmen?

Da war Selbsthilfe der Frauen gefragt. Zu Hilfe kam, auch in den Jahren danach, die Ehefrau des Stadtchronisten, Lia Kaupert. Sie besorgte Landsknechtkostüme aus dem Theaterfundus. "Brustpanzer und Schwert, später auch den Helm hat uns die Freifrau v. Stauffenberg aus der Waffenkammer von Schloss Greifenstein ausgeborgt", erinnert sich Hans Grohberger.

Der damalige Stadtpfarrer Hans Fiedler sei erst skeptisch gewesen. Aaber die große Resonanz habe ihn umgestimmt und er förderte dann die Tradition nach Kräften. Zum Ritus gehört seitdem, dass ein Geistlicher die Brezen segnet, bevor sie verteilt werden. Im Album der Grohbergers befindet sich ein Foto von 1954, als die Gruppe von Kaplan Hans Schmidt, später Pfarrer in Verklärung Christi, empfangen wurde.


Mit sechs Wächtern


Am 11. November 1953 waren Hauptstraße und Rathausplatz schwarz von Menschen. Gebannt folgten sie dem Tross, der aus Hans Grohberger zu Pferde, den sechs Wächtern Georg Karl, Baptist Hofmann, H. Hartmann, Michael Dötzer und Hans Grasser, dem Bettler Günther Eger sowie den Bannerträgern von Kolping bestand und sich vom Paradeplatz zum Rathaus bewegte.

Angeführt wurde er von einer Blasmusikgruppe. Seit Jahrzehnten stehen die Musiker unter Leitung von Karl Schüller. Anfangs bestand sie aus Mitgliedern der Feuerwehrkapelle, heute stellen sich Musiker aus Buckenhofen in den Dienst der guten Sache.

Marion Grimm vom Pfarrbüro St. Martin erinnert sich, gesehen zu haben, dass damals das Pferd mit in die Kirche eingezogen ist, "bis vor zur Kommunionbank". Manche halten das für eine Legende, andere bestätigen das. Aber das wurde bald aufgegeben. Die Pferde hatten genug Stress zwischen den Fackeln in der dichten Menschenmenge.

Aber sie wurden sicher geführt, z.B. von Hans Neubauer aus Buckenhofen. Noch in den Anfangsjahren stellte Jakob Endres aus der Vogelstraße sein Pferd zur Verfügung. 35 Mal hat Hans Grohberger den Hl. Martin dargestellt, dann folgte ihm Baptist Pieger mit eigenem Pferd vom Reitclub Hausen. Er reitet bis heute.

Neben Günther Eger stellten Elmar Karg, Heinrich Wagner und Josua Flierl den Bettler beim Spiel der Mantelteilung dar. Bei Schnee und Regen oftmals kein Vergnügen! Hans Grohberger erinnert sich, dass vor allem die Buben genau hinschauten, wenn er sein Schwert aus der Scheide zog. Ein Hieb, und das Tuch war getrennt. Es war von Ehefrau Luise mit Druckknöpfen entsprechend präpariert worden. Einmal machte er einen Umweg. Hin zum Krankenhaus. Dort hatte sich ein Junge sehnlichst gewünscht, den Hl. Martin zu sehen. "Der Bu is wieder gsund worn", schmunzelt der heute 81-jährige "Martin."

Mit den Armen teilen - da ist der Heilige von Tours ein großes Vorbild der Christen. Aber eine kleine Schwäche erlaubte sich Hans Grohberger: "Nie habe ich eine Brezel bekommen, bis mir dann der Mesner Ernst Kist in der Sakristei zwei auf Seiten getan hat."

Start am Montag um 18.30 Uhr

Der Martinsritt 2013 startet am Montag um 18.30 Uhr am Paradeplatz. Wie in jedem Jahr sorgt das THW für Absperrung und Sicherheit. Die in ausreichender Zahl disponierten Martins-Brezen werden von Stadtpfarrer Georg Holzschuh gesegnet und von Mitgliedern der Kolpingfamilie verteilt. Im Anschluss lädt die Pfarrei zu einer Andacht zu Ehren des Stadtpatrons in die Martinskirche ein.

von Mike Wuttke