Menschen sind verschieden. Jeder geht mit anderen Voraussetzungen an den Start: Junge, Mädchen, groß, klein oder eben behindert und nicht behindert. Dass ein gemeinsames Ziel diese Unterschiede vergessen machen kann, zeigt das Freizeitprojekt "Zirkusworkshop" des KJR, das in diesem Jahr zum elften Mal stattfindet.
Für eine Woche leben und trainieren 52 Kinder, darunter sechs behinderte, im Alter von 9-16 Jahren gemeinsam mit den Betreuern des KJR und den Trainern des Kinderzirkus Mumm. Das Ziel: Eine zweistündige Zirkusvorstellung unter dem Motto "Traumschiff" vor rund 200 Zuschauern.

Zoe ist 13 Jahre und bereits zum dritten Mal dabei. Eigentlich wollte sie die Disziplinen Trapez und Clown trainieren. Doch da sie einen Tag später ankam und die Gruppen bereits auf die insgesamt zwölf Disziplinen verteilt waren, musste sie mit Diabolo und Jonglele vorlieb nehmen - die anderen waren schon voll. "Am Anfang hab ich gedacht, dass bekomme ich gar nicht hin. Aber ich habe gemerkt, es ist machbar." erzählt Zoe, die selbst jetzt beim Mittagessen ihr Diabolo zwischen den Füßen liegen hat.

Es sind genau diese "Möglichkeiten und Fähigkeiten, die die Kinder hier entwickeln oder plötzlich entdecken" die das Projekt für Hans-Jürgen Blickle, Trainer des Zirkus Mumm, so spannend machen. "Es ist immer wieder erstaunlich, was da am Ende bei den Kindern rauskommt. Und das ohne Druck, allein durch Eigenmotivation der Kinder" so Blickle weiter.
Er stellt auch fest, dass durch die Vielfältigen Möglichkeiten, die sich den Kindern hier bieten, die typischen Rollenverteilungen aufgebrochen werden.

Zirkus heißt also hier ein stückweit auch sich selbst zu finden, ohne aber den anderen dabei aus den Augen zu verlieren. Hier setzt der Integrationsgedanke des KJR an, der den Schwerpunkt auf das "Einbinden in ein selbstverständliches Miteinander behinderter und nicht-behinderter Kinder" legt erzählt Regine Lechner, Betreuerin des KJR.

Auch für Zoe ist der Umgang mit den behinderten Kindern längst zum Alltag geworden. "Man kann zwar nicht immer das gleiche Verlangen und muss auch oft Rücksicht nehmen, aber letztendlich haben wir alle ein Ziel. Und mit der Zeit merkt man, welche Probleme die Kinder haben und dann hilft man ihnen dabei. Wir haben hier zum Beispiel ein kleines Mädchen, dass immer auf zwei Krücken gestützt laufen muss und dann läuft man eben langsamer und hilft ihr beim Laufen." Zoe sagt aber auch, dass der Umgang mit den behinderten Kindern am Anfang schon komisch war und sie "wusste nicht genau, wie kann ich darauf reagieren, was kann ich machen".
Regine Lechner bestätigt diesen Entwicklungsprozess von anfänglicher Skepsis und Unsicherheit im Umgang mit den behinderen Kindern hin zu einem gemeinsamen Miteinander. "In den Tagen die wir hier zusammen sind hat sich viel getan. Es bestehen nur noch minimale Berührungsängste" freut sich die 52-Jährige.
Während Zoe gerade draußen vor dem Zelt ihr Diabolo hoch in die Luft wirbelt und in der kurzen Zeit die es in der Luft verweilt durch das Wurfseil springt, um es dann wieder aufzufangen, wird im Zelt unermüdlich an der Hochseilchoreogrraphie gearbeitet. Die nackten Füße sind kalt und die Fußsohlen schwarz.