Eine kleine Gruppe steht zwischen den Grabreihen des jüdischen Friedhofs zu Baiersdorf. Eingehend betrachten die Besucher unter Anleitung des Historikers Horst Gemeinhardt die Symbole und Inschriften.
Luise Dispeker aus Los Angeles schaut ganz genau hin. Ihrem Namen ist unschwer abzulesen, dass ihre Vorfahren aus dem Örtchen Diespeck an der Aisch stammen. Jüdische Vorfahren. Die Amerikanerin, deren Eltern früher in Fürth gelebt haben, kehrte dieser Tage nach Franken zurück, um den Spuren ihrer Familie nachzugehen. Zusammen mit Ilse Vogel, die die Grabinschriften des Diespecker jüdischen Friedhof entziffert und die darin verborgenen Schicksale erforscht hat, besuchte sie den "guten Ort" in Baiersdorf. Denn hier liegen die bedeutendsten ihrer Vorfahren begraben. "Jeder Stein ist ein Mensch, ein Schicksal", erklärt Vogel.
Allen voran galt der Besuch David Dispecker, ein berühmter Religionsgelehrter, der im Alter das Amt eines Landrabbiners der Markgrafenschaft Bayreuth innehatte. Ihm oblag die innere Selbstverwaltung der jüdischen Untertanen; das Amt lässt sich in etwa mit einem Regionalbischof vergleichen.
Zwischen den lückenhaften Reihen der ältesten Belegungen im südöstlichen Teil und den Grabstätten des 19. und 20. Jahrhunderts im Norden reihen sich drei auffällig große Grabmale aneinander. Die beiden äußeren Steine sind oben mit zwei Löwen-Reliefs und an den Seiten mit stilisierten Säulen verziert. "Diese Symbole sind ein guter Hinweis, dass hier Rabbiner bestattet sind", erklärt Gemeinhardt, der seit Jahren die jüdische Geschichte Baiersdorfs erforscht.

Mäzen und Geldverleiher


Mit sicherem Blick überfliegt Ilse Vogel die lange hebräische Inschrift. Sie ist so gestaltet, dass die ersten Buchstaben auf der rechten Seite - Hebräisch liest sich von rechts nach links - von oben nach unten den Namen des Toten ergeben: David Dischpecker.
Und auf dem zweiten Stein steht Shimeon Dischpecker. Er ist der Sohn (1766-1847) von David, der nach dem Vater 53 Jahre unentgeltlich Rabbiner in Baiersdorf war. "Reb Schimmen Dajan Simon Dispecker" heißt er mit vollständigem Namen. Bekannt war er nicht wie sein Vater wegen religiöser Gelehrsamkeit, sondern als Mäzen und Geldverleiher. Briefe jüdischer Studenten aus Polen in Erlangen belegen, dass sie am Schabat bei Dispecker zu Gast waren, bei ihm aber auch Wertsachen verpfänden konnten. Dazwischen steht noch ein Grabstein für Chawah, die dritte Ehefrau des David und Mutter des Simon. "Es ist ungewöhnlich, dass ein Rabbiner neben seiner Frau bestattet wurde", erläutert Gemeinhardt.
Still und in sich gekehrt steht Luise Dispeker vor den Grabmalen. Vor ihren Wurzeln. Dank der Umsicht ihrer Eltern befinden sich in ihrem Besitz viele Dokumente zur Familiengeschichte, die auch die Emigration der Eltern erhellen und den Stammbaum belegen.