Es ging um einen versuchten Totschlag. Aber so richtig konnte das Urteil, das von der Jugendkammer am Landgericht Bamberg gesprochen wurde, niemanden wirklich zufriedenstellen. Nicht den Angeklagten, der für zwei Jahre und drei Monate hinter Gitter muss. Auch wenn er nicht mehr die Gesamtstrafe zu verbüßen hat, da seine Untersuchungshaft von rund fünf Monaten auf die Haftzeit angerechnet wird.

Bitter für ihn muss besonders sein, dass sein Kontrahent völlig ungeschoren davonkam. Offenbar hatte er es geschafft, vollkommen in seiner Opferrolle aufzugehen.

Der Vorfall, der die beiden jetzt vor das Gericht gebracht hat, hatte sich am 1. Dezember des vergangenen Jahres zugetragen. Der 22-Jährige Jens (alle Namen geändert) wollte eigentlich von Forchheim-Nord, wo er mit seinem Vater wohnte, in Richtung Weihnachtsmarkt gehen. Doch es kann bekanntlich niemand in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt. Der böse Nachbar, das war in diesem Fall der 17-jährige Omar. Der hatte mit Jens noch eine Rechnung offen und ließ mit seinem Verhalten wohl erkennen ließ, dass er auf Streit aus war.

Da Omar selbst schon einiges auf dem Kerbholz hatte, wollte er offenbar nicht derjenige sein, der den ersten Schlag führte. Er wollte es stattdessen wie Notwehr aussehen lassen. Diesen Eindruck konnte man jedenfalls bei der Verhandlung gewinnen.

Um was es bei dem Streit genau ging, konnte auch das Gericht nicht vollständig klären. Es ging, so viel war immerhin zu erkennen, um einen Roller, für den sich Jens wohl allzu eifrig interessiert hatte. Es ging wohl allerdings auch darum, dass Jens Omar bei einem früheren Aufeinandertreffen auf eine Motorhaube gedrückt hatte. Dieser wiederum hatte mehrmals vor Zeugen den Wunsch geäußert, Jens mit dem Kopf gegen einen Stein zu schlagen.

Glaubwürdige Zeugen
Und dann also das Treffen vor dem Jugendzentrum, vor dem Omar gerade stand. Er stellte Jens zur Rede, doch es blieb nicht bei verbalen Ausfälligkeiten - auch wenn Zeugen später aussagten, Omar sei keiner, der einem Streit aus dem Wege gehe.

Überhaupt stellte der Vorsitzende Richter Manfred Schmidt in seiner Urteilsbegründung den Zeugen ein hervorragendes Zeugnis aus: Obwohl alle bis auf den Sozialarbeiter erst zwischen 16 du 18 Jahre alt sind, hätten sie offen und vertrauenswürdig ausgesagt. Obwohl sie fast ausschließlich zu Omars Gruppe gehörten, haben sie Omar keineswegs geschont. So bezeichnete einer Omar als "Angeber", und es wurde auch offen registriert, dass Omar die Flucht ergriffen hatte, obwohl das zuvor verbal ganz anders geklungen hatte.

Die Einvernahme von Richter Schmidt ließ durchblicken, dass Jens auch in schulischer Hinsicht nicht unbedingt auf der Sonnenseite des Lebens gestanden hatte. Ein Scheidungskind, dem man seinen leichten Sprachfehler noch anhörte, den er aber mittlerweile gut zu überspielen weiß.

Damit war er Omar meilenweit unterlegen, als der Jens beschimpfte. Etwa, wenn er Jens penetrant als "Opfer" verhöhnte. Außerdem wollte Omar die Dinge "wie Männer mit den Fäusten klären", bezeichnete Jens als "Missgeburt". Irgendwann muss Jens die Nase voll, gehabt haben. Er ging frontal auf Omar zu.

Auf seinem Weg zum Rathausplatz hatte er eine Flasche Bier dabei, als "Wegzehrung" gewissermaßen, und die hatte er noch bei sich, als er sich zu seiner Tat hinreißen ließ. Er zerschlug die Bierflasche, sodass der Flaschenhals zu einer etwa elf Zentimeter langen scharfkantigen Waffe wurde. Dann ging er auf Omar los. "Ich mach Dich platt, ich schneide Dir die Kehle durch" - diese oder ähnliche Worten schickte er seiner Tat voraus.

Und er beschrieb mit dem abgebrochenen Flaschenhals eine von fast allen Zeugen übereinstimmend beschriebene halbkreisförmige Bewegung, von der nicht ganz klar war, wie diese einzuordnen war. Für Jens selbst war der bewaffnete Halbkreis zu weit von Omar entfernt, um ihn tatsächlich zu treffen. Doch für die anderen waren die Bewegungen von Jens eng genug gewesen, um Omar tatsächlich verletzen zu können. Und zwar in Höhe des Halses.

Die Drohung "Ich schneide dir die Kehle durch" erhält in diesem Licht eine fast schon wortwörtliche Bedeutung.


"Extreme Stresssituation"
Jens machte sich anschließend zum Jugendzentrum auf, wo er von zwei wohl eher zufällig vorbeikommenden Polizeibeamten zunächst festgenommen wurde, dann aber wieder auf freien Fuß gesetzt und nach einigen Tagen wieder inhaftiert wurde.

Der Staatsanwalt wertete die Tat als einen Versuch, "einen Menschen zu töten, ohne Mörder zu sein". Das schließt einen Totschlag ebenso ein wie eine fahrlässige Tötung.

Das Landgericht verurteilte Jens wegen eines versuchten Totschlags, wobei nicht nur nach Jugendstrafrecht einige Abstriche zu machen waren. So hatte sich Jens in einer "extremen Stresssituation" befunden, wie dies auch der Staatsanwalt einräumte.

Hinter verschlossenen Türen muss es lange Zeit Uneinigkeit gegeben haben, bis Richter Schmidt das Urteil verkünden konnte. Er erkannte an, dass Jens bis zur Weißglut provoziert worden sei, eine akute Bedrohung habe jedoch nicht bestanden. "Wir gehen nicht davon aus, dass der Angeklagte zu Unrecht belastet wurde", sagte Schmidt.

Jens habe mit bedingtem Vorsatz gehandelt, denn er hätte sich ja in ein Wirtshaus retten können, um vor Omar und seinen Mitstreitern sicher zu sein.

Ein Abbruch der Tat hätte bedingt, dass die Tötungsabsicht "endgültig aufgegeben worden" sei. Allerdings seien die Schwere der Schuld und schädliche Neigungen zu bejahen, sodass dies unterm Strich für eine Bewährungsstrafe nicht ausreiche.